„Wer klopfet an?“

Weihnachten mit Renate Welsh: Ein neues Buch mit Kurzgeschichten zum Fest, ein Interview mit Gedanken zum alten und neuen Hass. Gibt es noch Hoffnung?

Interview: Thomas Aistleitner

Porträt Renate Welsh

Literacy.at: Frau Welsh-Rabady, wie kam es zu diesem Buch? Sind die Kurzgeschichten eigens dafür geschrieben worden oder haben Sie sich aus Ihrem Fundus bedient?
Renate Welsh-Rabady: Sowohl als auch. Ein Teil ist aus dem Fundus, und meine Lektorin Inge Auböck hat mich daran erinnert: „Du hast doch so schöne Weihnachtsgeschichten, warum machen wir nicht ein Buch daraus?“

Also doch der Fundus?
Am Ende sind viele der alten Geschichten gar nicht enthalten. Einen Teil habe ich überarbeitet, einen Teil habe ich neu geschrieben. Und wenn Sie das Buch gelesen haben, können Sie sich vielleicht denken, welche Geschichten neu sind.

„Wer klopfet an“ über das Mädchen, das von der Polizei aus ihrer Schulklasse herausgeholt und abgeschoben wird?
Ja, die ist neu. Es ist meine Lieblingsgeschichte in diesem Buch, und ich finde gerade diese Illustration von Julie Völk großartig.

Die Illustrationen sind alle sehr schön und ganz eigen ...
... und ich habe mir diese Illustratorin selbst ausgesucht. Ich habe sie über meine Arbeit in der Vinzirast kennengelernt, wo ich die Schreibwerkstatt leite. Julie Völk hat sich dort gemeldet, und so sind wir zusammengekommen.

Welche Geschichte ist die älteste?
„Das Jesulein wird gebadet“, die letzte im Buch. Sie ist durch und durch autobiografisch.

Mir haben die Geschichten sehr gut gefallen, die realistisch beginnen und dann beinahe ins Fantastische gehen. Das Mädchen, das so frustriert von den Erwartungen ihrer Familie ist, dass es beschließt, am Weihnachtsabend einmal nicht zu „funktionieren“, ausgerechnet am Weihnachtsabend ...
Ja, ich wollte auch so etwas Verrücktes dabeihaben.

„Weihnachtschaos mit Katze“ hat das Zeug zum Klassiker.
Das ist eine ältere Geschichte, die schon mehrmals veröffentlicht wurde. Ich mag Katzen, und die Geschichte hat auch damit zu tun, was unsere Katze so alles aufgeführt hat.

Diese Geschichte hat mich an die amerikanischen Weihnachtsklamaukfilme mit Chevy Chase erinnert ...
Hier ist das Chaos nicht der Störfaktor, sondern der Zusammenhalt der Familie. Ich finde, Chaos ist eine Möglichkeit, das Beste aus Familien herauszuholen.

Wer ein Weihnachtsbuch schreibt, muss sich fragen lassen, was man heute über Weihnachten sagen kann. Ist es noch das Fest der Hoffnung?
Nach diesem Herbst hoffe ich doch, dass wir in Österreich gelernt haben, dass man nicht verzweifeln muss. Sondern dass man eine kleine Hoffnung bewahren und eine größere Hoffnung daraus basteln kann. Man muss die Hoffnung warmhalten und darf sie weder übergießen noch eintrocknen lassen. Und man darf nie glauben, man hätte schon gewonnen.

Doppelseite aus „O du Fröhliche”

Gibt es heute mehr Hass in der Gesellschaft?
Ich glaube nicht, dass unser Gesellschaft hasserfüllter ist. Der Hass muss schon da gewesen sein, sonst wäre das, was im Tausendjährigen Reich passiert ist, nicht möglich gewesen. Es ist nur so, dass dieser latente Hass explodiert ist und eine seltsame Form von Legitimierung gefunden hat. Leute basteln sich aus dem Hass eine Art Selbstwertgefühl.

Darf man in einer offenen Gesellschaft, in einem Staat mit Meinungsfreiheit nicht auch die Freiheit zu hassen haben?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Die Leute bekennen sich ja nicht wirklich offen zu ihren Hasstiraden, es ist eine Offenheit in einem geschützten Raum, wo man sich „unter Gleichgesinnten“ weiß, etwa in der Halboffenheit vom Bierzelt und anonym in den Foren.

Was kann man dagegen tun?
Dieser Hass wächst aus einem Minderwertigkeitsgefühl. Es ist eigentlich Selbsthass, der private und öffentliche Beziehungen vergiftet.

Das müssen Sie genauer erklären.
Wenn ich von mir selbst gar nichts halte, brauche ich einen anderen, von dem ich noch weniger halte. Hass auf Fremde ist in Wahrheit ein Mangel an Selbstachtung.

Ist das eine Theorie oder auch selbst erlebt?
Beobachtung, Erfahrung. Bei meiner Arbeit in der Schreibwerkstatt kann ich immer wieder feststellen: Leute werden Menschen in dem Augenblick, in dem du sie ernst nimmst. Dann bringen sie auch Verständnis für andere auf.

Gibt es einen Weihnachtswunsch? Einen großen, umspannenden, gesellschaftlichen Weihnachtswunsch?
Ja, den gibt es. Ich wünsche mir, dass unser ganzes Erziehungssystem nicht mehr auf Defiziten herumreitet, sondern auf Möglichkeiten. Ich wünsche mir, dass die Ansätze, die in jedem Menschen vorhanden sind, entwickelt werden. Dass jeder Mensch nicht nur die Summe seiner Defizite ist, sondern auch etwas beitragen kann. Sobald er sieht, dass er etwas beitragen kann, hat er es nicht mehr nötig zu hassen.

Gab es einen besonderen Moment in diesem Jahr?
Ich verwende das Wort Betroffenheit nicht gerne in einer Zeit, wo jeder von allem betroffen sein muss. Aber es gab einen Satz, der mich wirklich unglaublich betroffen gemacht hat. Einer meiner „Vinzirastler“ hat gesagt: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie schrecklich es ist, immer einer zu sein, der etwas bekommen muss.“ Man muss wirklich darüber nachdenken, was in so einem Satz liegt.

Woran arbeiten Sie gerade?
Ich arbeite immer noch an meinen Kurzgeschichten für Erwachsene. Aber möglicherweise wird doch auch noch ein Roman entstehen.

Weihnachtszeit ist Bücherzeit. Gibt es ein Buch, dem Sie viele Leser wünschen?
Viele ... Mein Mann und ich haben uns gegenseitig die „Irrfahrten von Persiles und Sigismunda“ von Miguel Cervantes vorgelesen und das hat ungeheuer viel Spaß gemacht. Einmal hat er mir ein Kapitel vorgelesen und einmal habe ich ihm eins vorgelesen. Und das war überraschend lustig zu lesen, weil es eine völlig wahnsinnige Mischung ist aus allen Literaturformen, die es gibt.

Wenn ich noch nichts von Renate Welsh gelesen habe, womit sollte ich beginnen?
Wenn Sie etwas über mich erfahren wollen, dann am besten mit „Dieda oder das fremde Kind“. Das ist mein persönlichstes Buch.

Sie haben auf die Frage: „Ist der Mensch gut?“ einmal geantwortet: „Der Mensch will gut sein.“ Bleiben Sie dabei?
Ich glaube das immer noch. Mit einem Nachsatz: Er weiß nicht immer, dass er es will.

Das Buch

Coverabbildung: O`Du Fröhliche

Renate Welsh
O' Du Fröhliche

Ab 6 Jahren
80 Seiten
Obelisk Verlag
Preis: € 12,95
ISBN: 978-3-851978391
Leseprobe

Renate Welsh erzählt Geschichten von Weihnachten: von Pfütze, der Katze, die einer Familie zu Weihnachten zuläuft, von schrägem Trompetenklang statt Blockflötenharmonie, von einem kleinen roten Feuerwehrauto auf dem Friedhof, vom Nikolaus und vom Krampus, vom Christkind und vom Jesukind. Zwölf stimmungsvolle Kurzgeschichten zu Weihnachten, die abseits der ausgetretenen Pfade nach dem „echten“ Weihnachten fragen.

Über die Autorin

Renate Welsh

Renate Welsh-Rabady wurde am 22. 12. 1937 in Wien geboren. Sie arbeitete zunächst als Übersetzerin, seit 1969 schreibt sie Kinder- und Jugendbücher, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Am bekanntesten wurde ihr Roman „Johanna“, in dem Welsh von einem Frauenschicksal in den 1930er-Jahren erzählt und das mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Besonders populär wurde die „Vamperl“-Reihe. Renate Welsh ist seit 2006 Präsidentin der Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen und Autoren. Im Jahr 2016 wurde ihr der Literaturpreis der Stadt Wien verliehen. Die Autorin lebt in Wien.

Über die Illustratorin

Porträt. Julie Völk

Julie Völk kam 1985 in Wien auf die Welt. Ihr weiterer Weg führte sie durch Norddeutschland nach Hamburg. Dort studierte sie Illustration an der HAW Hamburg. 2014 erhielt sie die Serafina, den Nachwuchspreis für Illustration. 2015 wurde ihr Buch „Das Löwenmädchen“ mit dem ersten Preis des Troisdorfer Bilderbuchpreises geehrt.