WAS SAGT DIE WISSENSCHAFT ZUR MEHRSPRACHIGKEIT?
Über die Pflege der Erstsprache
Von Michael Achleitner
Insbesondere in der Schuleingangsphase, also in Elementarklassen, sind die Kenntnisse in der Erstsprache (Muttersprache) als Voraussetzung für den schnelleren Erwerb einer fremden Sprache – in unserem Fall der Unterrichtssprache Deutsch – von maßgeblicher Bedeutung. Dazu gibt es bereits viele sprachwissenschaftliche Befunde, z. B. bei Cummins, de Cillia, Gogolin, Fthenakis.
Vonseiten der interkulturellen Pädagogik hat sich gerade in den letzten Jahren die Auffassung durchgesetzt, dass der Erhalt der „Herkunftssprachen“ von Kindern mit Migrationshintergrund ganz wesentlich für deren Entwicklung, aber auch für deren Integration in das Schul- und Sozialleben ist. Voll entfaltete Zweisprachigkeit wird als Voraussetzung für gelungene Identitätsbildung von Migrantenkindern angesehen. Warum das so ist, beschreibt auch Adelheit Hu in einer Studie (siehe Kasten rechts).
Ohne Erst- keine Zweitsprache
Die Befürworter einer zweisprachigen Erziehung betonen den Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Denkens, der Persönlichkeitsentwicklung generell und der Entwicklung der „Erst-“ bzw. „Muttersprache“. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Schwellenniveau-These von Jim Cummins: Können die Kinder in ihrer Erstsprache keine ausreichende Kompetenz aufweisen, wird es ihnen auch sehr schwerfallen, gut Deutsch zu lernen. Ein Schulunterricht, der die bisherige Sprachentwicklung und damit die Begriffsbildung außer Acht lässt, fördert die Entwicklung der Kinder nicht optimal (vgl. Auernheimer).
Erzwungene Einsprachigkeit
Die Koordination der beiden Sprachen und Kulturen gelingt nur dann, wenn die Erstsprache im Bildungssystem als Unterrichtsgegenstand und auch als Unterrichtsmedium Anerkennung findet und bis zu einem vergleichbaren Niveau wie die Zweitsprache gefördert wird (siehe auch zweisprachige Alphabetisierung). Schulisch erzwungene Einsprachigkeit wird von vielen WissenschafterInnen als belastend und entwicklungshemmend kritisiert, weil sie eine Reduktion der sprachlichen Mittel mit sich bringt und damit das Denken und andere psychische Fähigkeiten auf ein niederes Niveau zurückschraubt. Die Nichtbeachtung der Erstsprache durch die Schule bedeutet für das Kind eine Entwertung seiner Sprache und Kultur und signalisiert ihm Minderwertigkeit.


