Bring Your Own Book

„Bring Your Own Book“ ist ein Leseanimationsspiel, das sich mit verhältnismäßig wenig Vorbereitung und Aufwand umsetzen lässt. Die Idee basiert auf dem gleichnamigen Spiel von Matthew Moore, das von „Do Better Games“ und „Gamewright“ auf Englisch veröffentlicht worden ist. Eine Print&Play-Version kann gratis im Internet runtergeladen werden und laut Homepage wird derzeit auch an einer digitalen App gearbeitet.

Von Martin Peichl

Schüler/innen bringen selbst Bücher von zuhause in die Bibliothek mit

VORBEREITUNGEN

Das wichtigste „Spielmaterial“ sind Bücher. Diese können zufällig oder nach bestimmten Kriterien ausgewählt werden. Folgende Szenarien sind denkbar:

  • Szenario 1: Die Schüler/innen bringen selbst Bücher von zuhause mit. Dabei ist zweitrangig, ob es sich um Sachbücher oder Belletristik handelt. Wichtig ist nur, dass man sich auf eine Sprache einigt.
  • Szenario 2: Die Schüler/innen wählen Bücher aus den Regalen in der Bibliothek. Auch hierbei gilt: Das Genre ist nicht weiter wichtig, aber alle Bücher sollten in der gleichen Sprache sein.
  • Szenario 3: Die Bücher werden nach bestimmten Kriterien (z.B. nur Neuerscheinungen oder Texte zu einem bestimmten Thema) bereits im Vorfeld von einer Lehrperson oder von einem/einer Mitarbeiter/in der Schulbibliothek ausgewählt.

ABLAUF UND SPIELREGELN

Sobald jede/r Schüler/in ein Buch gewählt oder bekommen hat, kann das eigentliche Spiel beginnen. In jeder Runde geht es darum, zu einer bestimmten Aufgabe den besten Satz bzw. die beste Textstelle in den jeweiligen Büchern zu finden. Hierfür sollte eine Auswahl an verschiedenen Aufgaben vorbereitet werden, im Idealfall auf kleinen Karten. Ein/e unparteiische/r „Schiedsrichter/in“ (für die ersten Runden sollte diese Rolle ein/e Lehrer/in, oder der/die Schulbibliothekar/in übernehmen) zieht eine dieser Karten und liest die Aufgabe für die aktuelle Runde vor.

Hier eine kleine Auswahl, wie diese Aufgabenstellungen ausschauen können:

  • Motto für einen Maturaball
  • Zauberspruch eines Magiers
  • Satz, den man im Urlaub nicht hören möchte
  • ein romantischer Heiratsantrag
  • Ausrede, warum man den kleinen Bruder im Einkaufszentrum verloren hat

Diese und weitere Beispiele stehen hier als pdf-Datei bzw. Word-Datei zum Download zur Verfügung.

Sobald die Aufgabe gestellt worden ist, suchen alle Schüler/innen gleichzeitig in ihren Büchern nach einer geeigneten Textstelle. Sobald ein/e Schüler/in etwas Passendes gefunden hat, ruft er/sie „Stopp“ und der restlichen Gruppe bleibt noch eine Minute Zeit, ebenfalls einen Satz bzw. eine Textpassage zu finden.

Hier ein Beispiel zur Veranschaulichung: Aufgabe ist es, einen Werbespruch für eine elektrische Zahnbürste zu finden. Im „Mann ohne Eigenschaften“ von Musil findet eine Schülerin die Textstelle „den befreienden Geschmack des Lebens selbst auf der Zunge zu fühlen“. Damit hat sie gute Chancen, die aktuelle Runde für sich zu entscheiden!

SchülerInnen bringen eigene Bücher in die Bibliothek mit

Sobald die Minute vorbei ist, werden die Sätze bzw. Textstellen der Reihe nach vorgelesen und präsentiert. (Wenn nichts Passendes gefunden wurde, kann man auch aussetzen.) Der/Die Schiedsrichter/in der aktuellen Runde entscheidet, wer die Aufgabe am besten (bzw. kreativsten) erfüllt hat und vergibt die Karte als Punkt für diese Runde. Danach wird die nächste Aufgabe gezogen und die nächste Runde startet. (Erfahrungsgemäß gehen sich in einer 50-Minuten-Einheit ca. 6 bis 8 Runden aus.)

Varianten (können kombiniert werden):

  • Variante 1: Die Schüler/innen tauschen zwischen den Runden ihre Bücher, sodass sie jede Runde einen neuen Text vor sich haben.
  • Variante 2: Auch die Schüler/innen übernehmen die Rolle des Schiedsrichters bzw. der Schiedsrichterin und ziehen von den vorbereiteten Karten/Aufgaben.
  • Variante 3: Die Schüler/innen erfinden eigene Aufgaben. (Diese kann man z.B. notieren und zu den vorhandenen Aufgaben hinzufügen. So wächst langsam der Pool an Karten.)
  • Variante 4: Die Schüler/innen treten in Teams an. Jedes Gruppenmitglied hat ein eigenes Buch, aber nur ein Satz wird von der Gruppe ins Rennen für die aktuelle Runde geschickt. Diese Variante ist besonders geeignet für größere Klassen bzw. Gruppen.

PÄDAGOGISCHE ZIELE

Abgesehen davon, dass „Bring Your Own Book“ bei Schüler/innen gut ankommt und sehr beliebt ist, werden auch folgende pädagogischen Ziele damit verfolgt:

  • Querlesen bzw. überfliegendes Lesen wird geübt. Die Schüler/innen lernen, in kurzer Zeit einen Überblick über den Inhalt des Textes zu erhalten und trainieren ihre Lesegeschwindigkeit. Intuitiv müssen passende Textstellen erfasst werden. Die Schüler/innen lernen, Texte nicht als Aneinanderreihung isolierter Wörter zu lesen, sondern müssen feste Wortgruppen als Ganzes erfassen.
  • Die Schüler/innen bekommen einen Einblick in das Angebot der Schulbibliothek und darüber hinaus vielleicht Lust, sich das eine oder andere Buch im Anschluss an das Spiel auszuborgen. Das Lesen von ausgewählten Textpassagen führt erfahrungsgemäß oft ganz beiläufig dazu, dass die Schüler/innen mehr über den restlichen Inhalt erfahren wollen.
  • Letztendlich wird auch Kreativität gefördert, sowohl beim Suchen der Textstellen als auch beim Formulieren neuer Aufgaben.
SchülerInnen bringen ihre eigenen Bücher in die Bibliothek mit

ANREGUNGEN FÜR DEN UNTERRICHT

Die folgenden Anregungen sollen weitere Anwendungsmöglichkeiten im Rahmen des Unterrichts bzw. im Rahmen der Bibliotheksdidaktik aufzeigen:

Anregung 1: Buchpräsentationen
Die folgende Unterrichtseinheit lässt sich am ehesten in einer Doppelstunde umsetzen. Die Schüler/innen werden anschließend an ein paar Runden „Bring Your Own Book“ aufgefordert, das Buch, mit dem sie gearbeitet haben, für die restliche Gruppe kurz vorzustellen. Sie können darüber sprechen, welchen Eindruck sie gewonnen haben oder ob sie das Buch lesen bzw. weiterempfehlen würden. Auf diesem Weg kann auch über den Inhalt spekuliert werden und möglicherweise werden Schüler/innen angeregt, sich eines der verwendeten Bücher auszuborgen.

Anregung 2: Dialogarbeit (kreatives Schreiben)
Die folgende Unterrichtssequenz kann entweder direkt im Anschluss an eine Partie „Bring Your Own Book“ durchgeführt werden oder in einer Folgestunde. In Zweier-Gruppen soll eine Art literarischer Dialog produziert werden. Dies kann entweder ein Gespräch oder ein Schriftverkehr sein. Beispiel: Schüler A verwendet Friedricke Mayröckers „Das Herzzerreißende der Dinge“ und Schülerin B Gert Jonkes „Die erste Reise zum unerforschten Grund des stillen Horizonts“. Aufgabe ist es, das vorhandene Textmaterial in ein Gespräch bzw. einen Schriftverkehr umzuwandeln. Schüler A bezieht sich dabei ausschließlich auf sein Mayröcker-Buch und Schülerin B verwendet nur Sätze von Jonke. Dieser kreative Umgang mit den Originaltexten kann zu einer tieferen Auseinandersetzung mit den jeweiligen Texten führen.

Anregung 3: Einsatz im Fremdsprachenunterricht
Natürlich ist „Bring Your Own Book“ nicht auf den Deutschunterricht beschränkt. Auch in anderen Sprachfächern ist eine Umsetzung möglich. Für den Englisch-Unterricht kann das Original-Spiel verwendet werden. In anderen Fächern muss man – wie oben angeregt – eigene Aufgaben erfinden oder bereits vorhandene übersetzen.