Ein wunderlicher Roman

Von Michael Achleitner

Eine Highschool-Schießerei befördert Boo in den Himmel für 13-jährige Amerikaner. Dort findet er erstmals einen Freund – und macht sich auf die Suche nach dem „Gunboy“.

Oliver „Boo“ Dalrymple aus Hoffman Estates, Illinois, ist dreizehn Jahre alt, hochbegabt, wenig beliebt und vor allem tot. Gerade noch hat er an seinem Schulspind gestanden, in das Periodensystem vertieft, da findet er sich im Wiedergeburtsraum eines seltsamen Jenseits wieder. Dahingerafft hat ihn sein Herzfehler – wie er glaubt. Thelma, ein Mädchen, das in den Sechzigerjahren getötet worden ist, erklärt ihm, was es mit diesem Jenseits auf sich hat: In einer von Mauern umgebenen Stadt leben ausschließlich verstorbene amerikanische Jugendliche seines Alters. Quicklebendig verbringen sie ihre Zeit wie auf einem großen Schulhof, sausen auf Fahrrädern umher und werden von einem hippiehaften Gott namens Zig mit allem versorgt, was Dreizehnjährige zum Leben brauchen.

Boo hat gerade begonnen, sich an das Nachleben zu gewöhnen, als sein ehemaliger Klassenkamerad Johnny in der Stadt auftaucht und ein überraschendes neues Licht auf seinen Tod wirft. Boo erfährt, dass beide in einer Schießerei in ihrer Schule gestorben sind und dass der mutmaßliche Mörder womöglich auch hier gelandet ist. Auf der Suche nach „Gunboy“ wird ihre gerade erst geschlossene Freundschaft ernsthaft auf die Probe gestellt.

Gibt es einen Himmel – und wenn ja, wie sieht es dort aus?

„Das Leben nach Boo“ ist der erste Roman von Neil Smith, in den, wie er selbst sagt, der frühe Tod seines Bruders und der Selbstmordversuch seiner Schwester eingeflossen sind. Das Buch dreht sich um die große Frage der Menschheit: Gibt es einen Himmel – und wenn ja, wie schaut es dort aus? Smith Antwort: wenig spektakulär. Man bleibt 50 Jahre lang 13 Jahre alt und verpufft dann plötzlich, lebt umgeben von vier Wänden in einer Art Campus. Nichts hier erinnert an so etwas wie das Paradies. Gott Zig macht alle Kinder ein wenig gleicher – die Dummen klüger, Boo ein bisschen dümmer – dafür sozial kompatibler.

So absurd diese „Nachwelt“ auch sein mag, Neil Smith schließt gekonnt an William Goldings „Herr der Fliegen“ an – eine Welt ohne Erwachsene, in der die Kinder auf sich alleine gestellt sind. Und auch hier geht es um eine sich früh entwickelnde Gewaltbereitschaft. So wird der Wunsch nach Rache, ja nach Lynchjustiz, ebenso thematisiert wie undemokratische Prozesse und schreckliche Sanktionierungen. Es ist aber auch eine Geschichte über Mobbing, Kränkung, Depression und Außenseitertum.

„Das Leben nach Boo“ ist sicher ein außergewöhnliches und lesenswertes Buch, auch wenn einige Textstellen ungewöhnliche Längen haben und der Roman einen eher simplen Spannungsbogen aufweist. Dafür kann man sich als Leserin bzw. Leser immer wieder an der aufblitzenden feinen Ironie und der detailreichen Akribie, mit der Smith seinen Schauplatz imaginiert, erfreuen.

Das Buch

Buchcover

Neil Smith
Das Leben nach Boo

416 Seiten
Schöffling & Co.
ISBN:
978-3-89561-496-5
Preis: € 24,70
Leseprobe

„Das Leben nach Boo“ spielt im „Himmel für 13-Jährige“. „Boo“ Dalrymple ist dort nach einer Schießerei an seiner Schule gelandet. Ein Roman über Freundschaft, Rache und die Kraft zu vergeben.

Über den Autor

Porträt Neil Smith

Neil Smith lebt als Autor und Übersetzer in Montreal, Kanada. Sein Debüt „Bang Crunch“ wurde von der Washington Post zum Buch des Jahres gewählt. Der Erzählungsband war außerdem nominiert für den Commonwealth Writers Prize und gewann den Debütpreis der Quebec Writers’ Federation. Sein Roman „Das Leben nach Boo“, der in sieben Sprachen übersetzt ist, wurde für den Young Adult Book Award, den Sunburst Award und den Prix des libraires nominiert und mit dem Hugh MacLennan Prize for Fiction ausgezeichnet.