Raum-Basis

Von Sibylle Bader und Martin Peichl

Wo sind Sie gerade, während Sie diesen Artikel lesen? In der Schule, bei der Arbeit am Schreibtisch, zu Hause auf der Couch, in der U-Bahn? Wir befinden uns ständig in gestalteter Umwelt, ganz gleich, ob sie von uns, für uns oder mit uns gestaltet wurde. Meistens jedoch hatten wir selbst keinen Anteil am Gestaltungsprozess. Wir wurden nicht gefragt, andere haben das entschieden. Wir können uns in geringem Maße noch austoben, wenn es um die Wandfarbe geht oder mithilfe des Möbelhauskatalogs. Doch haben wir dann wirklich unsere ureigenen Wohn- und Lebensbedürfnisse befriedigt oder sind wir auch in diesem Bereich zu bloßen KonsumentInnen geworden?

Als Schulbibliothekare und Schulbibliothekarinnen arbeiten Sie im Spannungsfeld zwischen Ihren eigenen Vorstellungen, den Vorstellungen Ihrer Nutzerinnen und Nutzer und den beschränkten Möglichkeiten der Umsetzung, die durch Budget und rechtliche Vorgaben bestimmt werden. Die folgenden Überlegungen sollen aufzeigen, wie man innerhalb dieser Begrenzungen die eigene Schulbibliothek umgestalten bzw. die Planung einer neuen Schulbibliothek begleiten kann.

Als Grundlage für gestalterische und planerische Entscheidungen sollten die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer herangezogen werden. Gemeinsam mit diesen müssen sich die Schulbibliothekare und Schulbibliothekarinnen bewusstmachen, was sie haben, brauchen und wollen. Dies birgt die Gefahr, dass wir bisher gemachte gute Eindrücke gerne einfach kopieren wollen, jedoch sind diese immer ein Zusammenspiel von Farbe, Materialien, Lichteinflüssen und vielem mehr. Denn: Was von Raumerlebnissen bleibt, ist oft eine atmosphärische Erinnerung, die schwer in Worte für konkrete Raumeigenschaften gefasst werden kann. Wir, die Nutzerinnen und Nutzer von Räumen, sei es als Wohnraum oder als Lebensraum in einer Arbeits- oder Lernsituation, sollten bei der Umgestaltung eine Sammlung von Kriterien berücksichtigen bzw. diese den Planerinnen und Planern übergeben. Diese Kriterien sollten sich auf die Raumnutzung und die damit einhergehenden Bedürfnisse beziehen.

Am Beispiel „Licht“ wird dies vielleicht deutlich: Wenn die Auftraggeberinnen und Auftraggeber angeben, das Gebäude solle viele Fassaden-Elemente aus Glas haben, meinen diese oft helle, von Tageslicht beleuchtete Räume. Wenn diese Räume nun nach Süden und Westen ausgerichtet sind, müssen vermutlich an allen sonnigen Tagen die Fenster verschattet werden und sie finden sich in einem gemütlichen Halbdunkel wieder, mit viel Glas. Und so kann auch über die Möblierung verhandelt werden. Die Vorgabe „Zehn Schreibtische“ schränkt die Gestaltungsmöglichkeiten mehr ein als „zehn Arbeitsplätze in Tischhöhe“.

Wir, die „Wanderklasse“, helfen Kindern und Jugendlichen in Workshops, Safaris und Projekten sehr gerne dabei, sich in Bezug auf Raum und die gebaute Umwelt selbst besser kennenzulernen, andere Interessen zu verstehen (etwa in Bezug auf öffentlichen Raum) und Mitsprache zu lernen. Dabei ist es am Ende wichtig, diese Erkenntnisse so zu artikulieren, dass sie wiederum von Entscheidungsträgerinnen Entscheidungsträgern (in- und außerhalb der Schule) oder von zukünftig beauftragen Architekturschaffenden verstanden werden können.

Die Beschäftigung mit Phänomenen wie Licht und Tageslicht, verschiedenen Wohn- und Siedlungsformen oder auch einfach ein lustvoller, spielerischer Umgang mit temporär umgestalteten Räumen kann die Sinne schärfen für alle weiteren Beobachtungen und Lebenserfahrungen in diesem Bereich.

Die Neuplanung oder Umgestaltung der Schulbibliothek kann demnach mit den folgenden Fragen begonnen werden: Wie sehen Bibliotheken aus, die wir kennen?  Was sind ihre Qualitäten? Bald wird sich herausstellen, dass Tageslicht weniger wichtig ist als Leselicht, Materialien geräuschabsorbierend wirken sollen und es Arbeitsplätze und Leseecken geben sollte. Wenn man zum Beispiel Schülerinnen und Schüler auffordert, Räume, Gebäude, Plätze oder auch sogenannte „Unorte“ zu beschreiben, werden plötzlich hilfreiche Kriterien sichtbar. Über diese persönliche Beschreibung von realen oder fiktiven Orten können sehr viele Rückschlüsse über die individuelle Wahrnehmung und die eigenen Bedürfnisse gezogen werden. Das Resultat: eine wichtige Orientierungshilfe beim Planen und Gestalten einer Schulbibliothek. 

Zur Person

Sibylle Bader
Gründerin und Leiterin der Wanderklasse
Verein für BauKulturVermittlung
www.wanderklasse.at

Sibylle Bader ist BauKulturVermittlerin aus Leidenschaft mit Schwerpunkt in Wien und Tätigkeiten in ganz Österreich. Besonderen Fokus setzt Sibylle Bader bei Ihrer Vermittlungs-Arbeit auf nachhaltige Wirkung der Inhalte, bei Kindern wie bei Erwachsenen, sowie auf die Sensibilisierung für den öffentlichen/gemeinsam genutzten Raum und die mögliche und nötige Anteilnahme und Mitgestaltung daran.