Leicht überzogen

Von Michael Achleitner

Sprachgewandt und warmherzig erzählt Sáenz in seinem neuen Jugendroman von den seiner Meinung nach universellen Fragen, die jeden Heranwachsenden beschäftigen. Und übertreibt es bisweilen etwas damit.

Ausschnitt aus dem Buchcover

Für Sal läuft alles bestens: Er wächst in einer intakten Familie auf, auch wenn sein Vater „nur“ sein Adoptivvater ist und dazu noch homosexuell. Und er hat die beste aller besten Freundinnen: Sam. Doch mit dem Start des letzten Schuljahres beginnt Sal sein Leben und sich selbst zu hinterfragen – und stellt fest, dass er sich selbst eigentlich gar nicht kennt. Er hat das Gefühl, all das nicht zu sein, was seine beste Freundin Sam an ihm mag – und doch scheint ihre Freundschaft bedingungslos.

Drei Jahre hat Benjamin Alire Sáenz seit seinem Erfolg „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ auf sich warten lassen. Jetzt ist er wieder da, philosophisch, tiefgründig und sprachlich meisterlich, wie man ihn kennt. Während in „Aristoteles und Dante“ eine romantische Beziehung im Vordergrund steht, geht es hier um eine platonische Freundschaft. Aber auch um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, zwischen Großmutter und Enkelkind und Freunden. Wunderbar werden die Charaktere herausgearbeitet, die keinerlei Probleme haben, ihre Gefühle zu artikulieren.

„Ohne auf die Tränendrüse zu drücken, schafft Sáenz eine authentische Geschichte, die mitreißt, traurig macht, aber auch zum Nachdenken anregt.“ Mein Fazit seines Vorgängerromans ist für „Die unerklärliche Logik meines Lebens“ aber nicht gültig. Das Buch kommt mit zu vielen Längen. Auf den über 500 Seiten gibt es nicht wirklich einen Plot, sondern einfach viel, was passiert – ein Quäntchen zu viel: Sal wächst ohne seine Mutter (sie ist verstorben) bei seinem Adoptivvater in einer mexikanisch-amerikanischen Familie auf. Seine geliebte Großmutter stirbt langsam an Krebs. Seine Freundin Sam lebt ohne Vater bei ihrer Mutter, die ebenfalls stirbt, und der gemeinsame Freund Fito lebt in einem drogensüchtigen Haushalt. Auch seine Mutter stirbt schließlich – an einer Überdosis. Sals Adoptivvater ist zudem homosexuell. Vielleicht hätte sich Sáenz besser auf eine der Beziehungen konzentrieren sollen. Obwohl die einzelnen Erzählstränge durchaus bedeutungsvoll sind, sind sie zusammengenommen fast erdrückend und letztendlich zu komprimiert.

Auch gleitet der sehr gefühlsschwere Roman manchmal ab ins Unrealistische. „Das Gewitter war heftig. Doch ich hatte keine Angst. Ich wusste, die Liebe meines Vaters war stärker als jedes Gewitter.“ [S. 152] Sal ist 17 Jahre alt ...

Die Schwächen des Buches sollten jugendliche LeserInnen aber nicht davon abhalten, sich auf diesen Roman einzulassen. Sie werden eine tiefgründige, feinfühlige Geschichte über Adoleszenz finden, die trotz ihrer Weitschweifigkeit etwas Besonderes ist.

Das Buch

Buchcover: Die unerklärliche Logik meines Lebens

Benjamin Alire Sáenz
Die unerklärliche Logik meines Lebens

Ab 13 Jahren
512 Seiten
Thienemann
ISBN:
978-3-522-20236-7
Preis: € 17,50

Benjamin Alire Sáenz lässt drei Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenenleben aufeinandertreffen. Dass von ihnen nun eigenständiges Leben erwartet wird, bedeutet nicht, dass sie innerlich dazu bereit sind.

Über den Autor

Porträt Benjamin Alire Sáenz

Benjamin Alire Sáenz schreibt Lyrik und Prosa für Erwachsene und Jugendliche. Er wurde für seine Bücher für Erwachsene mit dem PEN/Faulkner Award und dem American Book Award ausgezeichnet. Auch seine Jugendbücher, darunter „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“, erhielten zahlreiche Auszeichnungen. Er unterrichtet kreatives Schreiben an der University of Texas in El Paso.