Lesenswerte Neuerscheinungen

Vom 8. bis zum 12. November 2017 fand die Buch Wien, Österreichs größte Buchmesse, statt. Die Besucherinnen und Besucher hatten insgesamt vier Tage Zeit, neue Bücher und aktuelle Verlagsprogramme für sich zu entdecken. Auch wir fanden einige bemerkenswerte Neuerscheinungen.

Von Martin Peichl

Barbara Rieger und Alain Barbero
Barbara Rieger und Alain Barbero

Melange der Poesie

Mit Melange der Poesie ist es der Autorin Barbara Rieger und dem Fotografen Alain Barbero gelungen, die Wiener Kaffeehauskultur in Text und Bild festzuhalten. Der vorliegende Band präsentiert 55 verschiedene Kaffeehäuser in Kombination mit österreichischen Autorinnen und Autoren wie Friedericke Mayröcker, Robert Schindel, Nadine Kegele u. v. m. Alain Barberos Schwarzweiß-Fotografien setzen die Schreibenden in den von ihnen ausgewählten Cafés in Szene, während Barbara Riegers Texte ausführliche Hintergrundinformationen zu den einzelnen Locations liefern. 

„Das Kaffeehaus war und ist in Wien bis heute ein wichtiger Ort der Kommunikation für private, politische, wirtschaftliche, künstlerische und nicht zuletzt literarische Themen und Zwecke“, heißt es in der Einleitung. Das Buch ist eine kunstvolle Einladung, sich in Zeiten von Instagram und Starbucks erneut auf die Wiener Kaffeehauskultur (die seit 2011 auch UNESCO-Weltkulturerbe ist) und deren lebendige literarische Szene einzulassen. Eine Auswahl der Fotos und Texte ist auf dem Literatur- und Fotoblog Café Entropy einsehbar. 

Alain Barbero, Barbara Rieger: Melange der Poesie. Wiener Kaffeehausmomente in Schwarzweiß. Kremayr & Scheriau, 2017 (ISBN: 978-3-218-01082-5)
Online: www.kremayr-scheriau.at

Lesung mit Mascha Dabić
Lesung mit Mascha Dabić

Reibungsverluste

In Reibungsverluste von Mascha Dabić begleiten wir die Protagonistin Nora einen Tag lang bei ihrer Arbeit als Übersetzerin und Dolmetscherin in einem Therapiezentrum für traumatisierte Flüchtlinge. Das Buch greift auf der einen Seite ein hochaktuelles gesellschaftspolitisches Thema auf, nämlich die Frage, wie wir mit geflüchteten Menschen würdevoll umgehen können, auf der anderen Seite wird aber auch über die Möglichkeiten und Grenzen des Sagbaren beziehungsweise Übersetzbaren reflektiert.

„Reibungslos sollte die Kommunikation ablaufen, das war das Ideal, keine Reibung, keine Verluste“, so beschreibt Nora ihren Alltag als Dolmetscherin. Einfühlsam wird die Erleichterung der Klientinnen und Klienten beschrieben, „wenn das Unsagbare schließlich doch noch ausgesprochen worden war und sogar den Weg in eine andere Sprache gefunden hatte“. Mascha Dabić schreibt gefühlvoll und schildert eindringlich, die Sprache kippt jedoch nie ins Sentimentale.

Mascha Dabić: Reibungsverluste. Edition Atelier, 2017 (ISBN: 978-3-903005-26-6)
Online: www.editionatelier.at

Paulus Hochgatterer im Gespräch
Paulus Hochgatterer im Gespräch

Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Ort: ein kleines Dorf in Niederösterreich. Zeit: ein paar Tage im März und April 1945. Menschen fehlen, gehen ab. Söhne und Männer, die der Krieg zu Soldaten gemacht hat, die der Krieg nicht mehr zurückgeschickt hat zu ihren Familien. Ungewissheit und die immer präsente Angst vor Fliegerangriffen. Im Zentrum der Geschichte: die 13-jährige Protagonistin Nelli.
„Ich glaube, ich werde mich nie mehr erinnern. Ich glaube, in meinem Kopf ist alles weggebombt.“ Nelli hat ihr Gedächtnis verloren und wird von einer Familie im Dorf aufgenommen. Ganz fasziniert ist sie von den Märtyrer-Geschichten, die ihr die Bäuerin erzählt. Eines Tages taucht ein russischer Soldat und ehemaliger Kriegsgefangener am Hof auf. Ein Wendepunkt nicht nur für Nelli, sondern für die ganze Familie.

Hochgatterer erzählt ohne große Effekthascherei, seine Sprache ist präzise und gleichzeitig poetisch, wenn Nelli zum Beispiel denkt, „dass es gut ist, wenn jemand anderer da ist, und gar nicht gut, wenn jemand nicht mehr da ist, ganz egal, ob Krieg ist oder nicht“. Besonders gelungen sind die drei in den Text eingewobenen Geschichten, in denen der Autor sich mit dem Phänomen der alternativen Geschichtsschreibung auseinandersetzt.

Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war. Deuticke, 2017 (ISBN: 978-3-552-06349-5)
Online: www.hanser-literaturverlage.de

Auszug aus Slam Oida!
Auszug aus Slam Oida!

Slam, Oida!

Poetry Slams und Slam Poetry sind keine bloße Randerscheinung mehr in der österreichischen Literaturlandschaft. Das hat mitunter auch mit dem Einsatz von Slammerinnen und Slammern wie Mieze Medusa und Markus Köhle (dessen neues Buch Jammern auf hohem Niveau ebenfalls auf der Buch Wien präsentiert wurde) zu tun, die sich seit Jahren dafür einsetzen, die Genre-Grenzen zu überschreiten und aufzuheben.

In Slam, Oida! 15 Jahre Poetry Slam in Österreich haben sie jetzt 42 Slamtexte veröffentlicht, die einen Querschnitt darstellen und eindrucksvoll die Vielschichtigkeit der österreichischen Szene unterstreichen. Besonders erwähnenswert sind die Meta-Texte von Mieze Medusa und Markus Köhle, in denen sie Slamwissen zusammentragen haben. Auf diesem Weg bekommt man zum Beispiel „1o Tipps für den gelungenen Auftritt“ und Antworten auf Fragen wie „Gewinnt immer der lustigste Text?“. Slam, Oida! ist somit nicht nur ein Buch für jene, die bereits vertraut sind mit dem Phänomen Poetry Slam, sondern auch für diejenigen, die es noch werden wollen.

Markus Köhle u. Mieze Medusa: Slam, Oida! 15 Jahre Poetry Slam in Österreich. Lektora, 2017 (ISBN 978-3-95461-098-3)
Online: www.lektora.de