Wohlfühlritual Vorlesen

Sollen Eltern schon ihren Babys vorlesen? Unbedingt, rät die Stiftung Lesen. Denn Vorlesen habe nicht allein etwas mit Spracherwerb zu tun. Die emotionale Bedeutung sei genauso wichtig.

Bub mit Buch

Viele Eltern fangen mit dem Vorlesen an, wenn ihre Kinder den ersten Geburtstag gefeiert haben bzw. mit dem Sprechen beginnen. Die meisten Eltern wissen, dass das Lesen gut für die Sprachentwicklung ist, und sehen es als Mittel zum Zweck. Deshalb unterstellen sie, dass ihr Kind schon sprechen können muss, damit es etwas davon hat, wenn ihm vorgelesen wird. Stimmt nicht, so die Ergebnisse einer Studie der „Stiftung Lesen“ (in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Deutschen Bahn). Beim frühen Vorlesen geht es nämlich nicht, wie viele Menschen glauben, allein um den Spracherwerb. Viele Eltern unterschätzten die emotionale Komponente dieses Rituals, so Studienleiterin Simone Ehmig. Beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern entsteht vor allem Nähe – und dazu kommen gute Gefühle wie Sicherheit und Geborgenheit, kurz: Kuschelglück für Eltern und Kind.

Wohlfühlritual

Es beginnt mit der Haptik. Ein Buch anzugreifen, hineinzubeißen. Das frühe Kennenlernen des Mediums Buch bedeutet, dass dieses später keine fremde Welt mehr ist, sondern ganz selbstverständlich zum Leben dazugehört. Wann sollte man laut Studie sein Kind also mit dem ersten Buch Bekannstschaft schließen lassen? „Mit drei, vier oder sechs Monaten. Da lässt sich kein genaues Datum definieren. Es kommt auf das Kind an“, sagt Ehmig. Auch wenn das Vorlesen anfangs nur wenige Minuten dauert – es geht um das Wohlfühlritual.

Frühes Vorlesen fördert Motivation zum Selberlesen

Wenn Kinder gern und häufig vorgelesen bekommen, „fällt es ihnen später leichter, Texte zu verstehen und Textaufgaben in Mathematik zu lösen“, so Ehmig. Zudem werden Fantasie und Sprachbewusstsein angeregt. Pausen beim Vorlesen helfen, die Aufmerksamkeit des Kindes nicht zu verlieren. Dann kann es Fragen stellen und man kann gemeinsam die Bilder länger betrachten. Mit seiner Stimme erweckt man Geschichten zum Leben, man sollte also mutig sein und unterschiedliche Charaktere in der Geschichte mit verschiedenen Stimmen lesen. Aber keine Angst – entscheidend beim Vorlesen ist nicht, dass man ein geborener Geschichtenerzähler ist, sondern dass man seinem Kind die Zeit, Aufmerksamkeit und eigene Begeisterung für die Welt der Fantasie und der Wörter schenkt. Eben einfach vorlesen und gemeinsam Spaß haben!

Neuer Online-Service

Aufgrund eigener Defizite in der Kindheit fällt es manchen Eltern aber schwer, ihre Kinder in dieser Hinsicht entsprechend zu fördern. Ein Viertel der Mütter und Väter von Kindern unter einem Jahr hat laut Untersuchung Unterstützungsbedarf. Sie sind sich nicht sicher, was für ein Buch sie auswählen sollen. Hier knüpft die Stiftung Lesen jetzt mit einer neuen Service-Aktion an. Auf www.einfachvorlesen.de findet man wöchentlich kostenfreie neue Geschichten, die man entweder auf dem Tablet, Smartphone oder dem Desktoprechner gleich online vorlesen oder sich zuvor ausdrucken kann. Alle Geschichten sind aus bekannten deutschen Kinderbuchverlagen und werden von der Stiftung Lesen ausgewählt. Man kann sich entweder über WhatsApp oder den Facebook Messenger erinnern lassen und bekommt dann einmal wöchentlich eine Info-Nachricht mit direktem Link, sobald neue Geschichten online stehen. Die Geschichten stehen insgesamt vier Wochen lang zur Verfügung.

Stiftung Lesen

Die Stiftung Lesen ist eine deutsche Stiftung aus Mainz, die zur Förderung von Lesefreude und Lesekompetenz 1988 gegründet wurde. Die Stiftung Lesen fördert Lesekompetenz und Zugänge zum Lesen für alle Alters- und Bevölkerungsgruppen in allen Medien. Als operative und bundesweit tätige Stiftung führt sie in enger Zusammenarbeit mit Partnern – Bundes- und Landesministerien, wissenschaftlichen Einrichtungen, Stiftungen, Verbänden und Unternehmen – Forschungs- und Modellprojekte sowie breitenwirksame Programme durch. Dabei geht sie von einer Gleichwertigkeit aller Lese- und Hörmedien aus. In einer multimedialen Welt sind Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Internet, Filme und Hörmedien miteinander verbunden und verweisen aufeinander.

Die Stiftung Lesen steht unter der Schirmherrschaft des jeweiligen deutschen Bundespräsidenten und finanziert sich größtenteils aus Zuwendungen der Stifterratsmitglieder und Spender sowie Geldern der öffentlichen Hand, die in die Projekt- und Programmarbeit fließen.

www.stiftunglesen.de