Bitte bewahren Sie Ruhe!

Von Michael Achleitner

Amoklauf in der Schule – ein Thema mit gesellschaftlicher Brisanz, das Lea-Lina Oppermann in ihrem Jugendromandebüt „Was wir dachten, was wir taten“ kunstvoll als sozialpsychologische Studie inszeniert, die zeigt, wie das Sozialgefüge in einer Klasse langsam zersetzt wird.

Amokläufer in Schulgebäude

Ein Amokalarm dröhnt durch die Lautsprecheranlage der Schule: „Es ist ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem aufgetreten. Bitte bewahren Sie Ruhe.“ Eine maskierte Person dringt in ein Klassenzimmer ein und diktiert mit geladener Pistole Aufgaben, die erbarmungslos die Geheimnisse aller Schülerinnen und Schüler an die Oberfläche bringen. Der Lehrer soll der Lieblingsschülerin ins Gesicht spucken, zwei Mitläufer müssen die Kleider tauschen, der Narzisstin muss ihre beste Freundin die langen Haare abschneiden, die angefangene Doktorarbeit des Lehrers, der seine Schülerinnen und Schüler kaum wahrnimmt, wird samt Laptop zerstört. Die Schande des Vorteilssuchers wird offenbar, wenn er seine Tasche mit gestohlenen Gegenständen seiner KlassenkameradInnen ausleert, ebenso die Anorexie der hart über alle anderen urteilenden Selbstgerechten, die nun einen Big Mac essen muss. Hinter sorgsam gepflegten Fassaden tun sich persönliche Abgründe auf. „Menschen und Beziehungen sind so viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint – und sie können sich ändern, jederzeit“, glaubt die 19-jährige Autorin Lea-Lina Oppermann.

Authentisch und spannend

Mit „Was wir dachten, was wir taten“ zeichnet sie eine komplexe sozialpsychologische Studie. Für Jugendliche relevante Themen wie Mobbing, Essstörung und Gewalt in der Schule werden wie nebenbei mit der Handlung verwoben: Die authentische Auseinandersetzung damit führt die LeserInnen gewissermaßen durch den Amoklauf. Der mit dem Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnete Roman überzeugt durch seine literarische Dichte, Spannung und sprachliche Brillanz. Erzählt wird aus drei Perspektiven, der der beiden Schüler Fiona und Mark sowie der des Mathematiklehrers, Herrn Fillers. „Wir werden dir erzählen, was wirklich passiert ist. An diesem Tag. In diesen 143 Minuten. [...] Wir waren dabei.” Jugendsprache wird gezielt und wohldosiert eingesetzt, ohne aufgesetzt zu wirken. Eine Schwarz-weiß-Zeichnung des Themas findet nicht statt. Auch der Amokläufer erhält am Ende ein Gesicht: im wahrsten Sinne des Wortes, gelingt es doch, den Angreifer zu demaskieren.

Potenzial für Schulklassen

Als Leser oder Leserin fühlt man sich so unmittelbar in die Handlung eingebunden, dass man sich selten auf die Rolle des distanzierten Beobachters zurückziehen kann. Dennoch überlässt Oppermann die Interpretation und Bewertung der Ereignisse ausschließlich ihren RezipientInnen. Deshalb eignet sich „Was wir dachten, was wir taten“ auch so gut als Schullektüre mit Diskussionspotenzial für LeserInnen ab vierzehn Jahren (der Verlag bietet Lehrkräften Unterrichtsmaterial zum Jugendroman mit Kopiervorlagen). Aber auch Erwachsene werden sich der Intensität und Spannung dieser kurzen Geschichte kaum entziehen können.

Das Buch

Coverabbildung: Was wir dachten, was wir taten.

Lea-Lina Oppermann
Was wir dachten, was wir taten.

Ab 14 Jahren
180 Seiten
Beltz & Gelberg
ISBN:
978-3-407-82298-7
Preis: € 13,40

Amokalarm. Eine maskierte Person dringt ins Klassenzimmer ein und diktiert mit geladener Pistole Aufgaben, die erbarmungslos die Geheimnisse aller an die Oberfläche zerren. Arroganz, Diebstähle, Mitläufertum, Lügen – hinter sorgsam gepflegten Fassaden tun sich persönliche Abgründe auf. Als die Schülerinnen und Schüler den Angreifer enttarnen, sind die Grenzen der Normalität so weit überschritten, dass es für niemanden mehr ein Zurück gibt.

Über die Autorin

Lea-Lina Oppermann

Lea-Lina Oppermann, geboren 1998 in Berlin, studiert Sprechkunst und Kommunikations- pädagogik. Geschichten zu hören, zu lesen und zu erleben hat sie dazu gebracht, selbst mit dem Erzählen anzufangen. „Was wir dachten, was wir taten“ ist ihr preisgekröntes Debüt. Zuvor schrieb sie vor allem Kurzgeschichten und Sprechtexte. Von 2013 bis 2015 spielte sie im Musical „Die Chroniken von Narnia“ die Rolle der Susan am Jungen Theater Bonn. 2014 besuchte sie als Schülerstudentin ein Seminar für „Kreatives Schreiben“ an der Uni Bonn und ist seitdem Mitglied in der dortigen Schreibgruppe.