Viel Platz für Bücher und noch mehr Platz für Menschen

Die multimediale Schulbibliothek ist Medienzentrum, Informationszentrum, Unterrichtszentrum, Kommunikationszentrum und kulturelles Zentrum – mit anderen Worten: ein wichtiger Begegnungsort für Schüler/innen und Lehrer/innen. Durch individuelle Schwerpunktsetzung kann die Schulbibliothek aber auch zu einem Ort werden, an dem demokratische Werte erfahrbar werden.

Von Martin Peichl

Abb. 1: Demokratie = Partizipation
Demokratie = Partizipation

Dies kann in erster Linie über Partizipation, Mitbestimmung und Mitgestaltung aller Beteiligter gelingen. Es geht aber auch darum, dem Wunsch „gesehen zu werden“, für andere sichtbar und damit auch besser „lesbar“ zu werden, gerecht zu werden.

Demokratisierung des Wissens

Kinder und Jugendliche wachsen mit einem Überangebot an Informationen auf. Die fortschreitende Digitalisierung und die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit des Internets scheinen jedoch nicht die erhoffte Demokratisierung unserer Gesellschaft mit sich gebracht zu haben. Stattdessen lesen wir Berichte darüber, wie soziale Medien demokratische Prozesse untergraben und zum Teil gefährden. Neben der Vermittlung von Informationskompetenz und Medienkompetenz, die zweifelsohne eine wichtige Rolle spielen für die aktive Teilhabe an demokratischen Prozessen und auch als eine Art „Schutzimpfung“ im Umgang mit der oben beschriebenen Informationsflut funktionieren, können Schulbibliotheken auch durch ein entsprechendes Medienangebot Interesse an Politik wecken und somit der oft diagnostizierten Politikverdrossenheit von jungen Menschen entgegenwirken.

Abb. 2: Auszug aus dem schwedischen Bibliotheksgesetz
Auszug aus dem schwedischen Bibliotheksgesetz

Demokratie aus dem Bücherregal

Der Bestand und die angebotenen Medien, können dazu beitragen, das Demokratieverständnis junger Menschen zu fördern. Hierbei ist es wichtig, dass sich die Kinder und Jugendlichen einerseits repräsentiert und wahrgenommen fühlen, sie auf der anderen Seite aber auch genug Möglichkeiten finden, ihren persönlichen Horizont und ihre Blickwinkel auf verschiedene demokratierelevante Themen zu erweitern. 

Von Seiten der Politik wird das Thema „Migration“ häufig als die größte politische Herausforderung der Gegenwart dargestellt. In der politischen Diskussion und in bestimmen Medien wird dieser überaus komplexe Themenbereich jedoch mitunter sehr eindimensional behandelt. Umso wichtiger ist es, in der Schulbibliothek Medien anzubieten, die eine differenzierte Sichtweise auf diese Thematik zulassen, wie zum Beispiel Janne Tellers „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ oder Shaun Tans Bilderbuch „Ein neues Land“.

Darüber hinaus können Graphic Novels wie die Reisetagebücher von Guy Delisles (u.a. „Aufzeichnungen aus Jerusalem“) oder Marjane Satrapis „Persepolis. Eine Kindheit im Iran“ das Verständnis für andere Kulturen fördern. Sie bieten die Möglichkeit, sich in andere Menschen und deren Lebenswelten hineinzufühlen oder historische Prozesse nachvollziehbar zu machen.

Abb. 3: Beim BVÖ-Kongress in Graz standen Bibliotheken und Demokratie im Mittelpunkt
Beim BVÖ-Kongress in Graz standen Bibliotheken und Demokratie im Mittelpunkt

Einen ähnlichen Effekt haben Science-Fiction-Bücher und dystopische Romane wie Ursula K. LeGuins „Die linke Hand der Dunkelheit“ und Margaret Atwoods „Der Report der Magd“. Diese Bücher laden die Leser/innen ein, über mögliche Zukunftsszenarien zu spekulieren. Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen werden aufgegriffen und im Rahmen einer fiktiven Welt weitergedacht und fortgesetzt. Das Ergebnis funktioniert oft wie eine Art Spiegel – so auch in der BBC-Serie „Black Mirror“. Gerade dystopische Szenarien eignen sich besonders gut, um darüber nachzudenken, warum bestimmte negative Entwicklungen eingetreten sind und wie diese verhindert hätten werden können.

Entsprechende Aktionen, wie beispielsweise ein „Monat zur Demokratie aus dem Bücherregal“ mit Büchertischen, Ausstellungen oder Projekten helfen dabei, auf die Vielfalt des Medienbestands zum Thema aufmerksam zu machen.

Vom Wunsch, gesehen zu werden – Die Bibliothek als Begegnungsort

Pierre Rosanvallon schreibt in seinem Buch „Das Parlament der Unsichtbaren“ von dem Wunsch vieler Menschen nach „Repräsentation und Entzifferung“. Er sieht die Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft darin, dass sich die Menschen in ihrer Alltäglichkeit wahrgenommen fühlen. Es gehe darum, dem Volk Stimmen und Gesichter zu verleihen, so Rosanvallon. Für ihn bedeutet Demokratie „Aufmerksamkeit für alle“. Das erklärte Ziel: „die gesamte Gesellschaft aus ihrer Unsichtbarkeit zu holen und Kenntnisse zu schaffen, die ihre Mitglieder einander näherbringen“.

So lädt beispielsweise das Projekt WIR: Berichte aus dem neuen Österreich Jugendliche ein, im Rahmen von Workshops durch autobiografisches Schreiben aus ihrer Welt, aus ihrem Leben zu berichten. Die dabei entstandenen Texte der Jugendlichen werden daraufhin veröffentlicht und somit sichtbar und lesbar gemacht.

Abb. 4: Die ersten sechs „Berichte aus dem neuen Österreich“
Die ersten sechs „Berichte aus dem neuen Österreich“

Demokratie passiert dort, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen und sich wahrgenommen und gesehen fühlen. Das bedeutet, dass die Schulbibliothek eine wichtige Rolle als Begegnungsort spielen kann, wenn sich alle Zielgruppen vom Angebot und von den vorhandenen Möglichkeiten angesprochen fühlen.  Neben einladenden Öffnungszeiten braucht es hierfür auch ein kompetentes Bibliotheksteam, das bereit ist, auf die Bedürfnisse der Nutzer/innen einzugehen. Im Sinne von erlebbarer Demokratie ist es darüber hinaus wünschenswert, wenn Schüler/innen zum Beispiel durch Mitarbeit in der Schulbibliothek oder durch Ankaufwünsche diese aktiv mitgestalten können.

Platz für Bücher, noch mehr Platz für Menschen

Noch wichtiger als das Medienangebot einer Bibliothek sind ihre Nutzer/innen und wie diese die Bibliothek wahr- und annehmen. Sie sollen das Gefühl haben, dass sie dort ein Mitspracherecht haben und aktiv mitgestalten können.  Dass ihre Bedürfnisse und ihre Erwartungen wahrgenommen und bei der Medienauswahl und Programmgestaltung berücksichtigt werden. Weil eine Bibliothek ist vor allem dann ein Ort der Demokratie, wenn sie nicht nur Platz für Bücher bietet, sondern noch mehr Platz für die Menschen, die sie lesen.