Vorlesen – warum eigentlich?

Vorlesen ist nicht nur für die Entwicklung des Vorstellungsvermögens wichtig, auch sprachlich, sozial und emotional profitieren Kinder und Jugendliche davon, bestätigen die Forschungsergebnisse.

© Christian Jungwirth

Viele Eltern fangen mit dem Vorlesen an, wenn ihre Kinder den ersten Geburtstag gefeiert haben bzw. mit dem Sprechen beginnen. Die meisten Eltern wissen, dass das Lesen gut für die Sprachentwicklung ist, und sehen es als Mittel zum Zweck. Deshalb unterstellen sie, dass ihr Kind schon sprechen können muss, damit es etwas davon hat, wenn ihm vorgelesen wird. Stimmt nicht, so die Ergebnisse einer Studie der „Stiftung Lesen“ (in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Deutschen Bahn).

Beziehungen stärken

Beim frühen Vorlesen geht es nämlich nicht, wie viele Menschen glauben, allein um den Spracherwerb. Viele Eltern unterschätzten die emotionale Komponente dieses Rituals, so Studienleiterin Simone Ehmig. Beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern entsteht vor allem Nähe – und dazu kommen gute Gefühle wie Sicherheit und Geborgenheit, kurz: Kuschelglück für Eltern und Kind.

Regelmäßige Vorlesezeiten schaffen ein Ritual, das in der Familie, gerade aber auch in der Schule Zuverlässigkeit und Stabilität bedeutet. In ihrer Studie weisen Belgrad und Schünemann nach, dass regelmäßiges Vorlesen einen positiven Einfluss auf die Beziehung zwischen Lehrkraft und Zuhörenden hat.

Keine Altersbeschränkung

Interessantes Detail der Studie: Vorleseaktivitäten können die Lesefähigkeit und literarische Bildung selbst noch von älteren Kindern und Jugendlichen (bis 14 Jahre) unterstützen, indem sich etwa ihr (passiver) Wortschatz vergrößert und sie literarische Wendungen übernehmen bzw. sich aneignen. Abgesehen davon können Jugendliche und Erwachsene Vorlesesituationen genauso genießen wie kleine Kinder.

Auch der Literacy-Erwerb in der frühen Kindheit spielt eine zentrale Rolle. Das regelmäßige Vorlesen unterstützt die sprachlich-kognitive Entwicklung und nimmt auf die individuelle Lesekultur Einfluss. Zugleich lenkt das Vorlesen die Aufmerksamkeit der ZuhörerInnen auf die sprachliche Gestaltung der literarischen Texte.

Bilder im Kopf

Da in der Klasse nicht mehr unbedingt die Kuschelatmosphäre der eigenen vier Wände herrscht, sondern viele SchülerInnen dem Vorlesen lauschen, muss erst einmal versucht werden, eine einigermaßen anregende Atmosphäre zu schaffen. Denn die Leseumgebung hat wesentlichen Einfluss auf die Förderung des literarischen Lernens. Sie beeinflusst auch eine der laut dem Lesedidaktiker Kaspar Spinner wichtigsten literarischen Teilkompetenzen, nämlich die Entwicklung des Vorstellungsvermögens. Wer liest oder zuhört, erschafft in seinem Kopf ein Bild der literarischen Welt.

Lebendiges Vorlesen

Das Vorlesen fördert die Vorstellungskraft besonders dann, wenn es lebendig geschieht, etwa durch Betonung von Schlüsselstellen, durch Atempausen oder die Variation von Tempo und Lautstärke. Aber auch nonverbale Ausdrucksformen wie der Blickkontakt sowie die mimische und gestische Unterstützung des Gelesenen spielen laut Jürgen Belgrad und Ralf Schünemann eine entscheidende Rolle. Marlies Hörger zeigte auf, dass auch Menschen mit einer geistigen Behinderung von einem lebendigen Vorlesen profitieren, indem sie die Geschichte nicht logisch-rational, sondern sinnlich und emotional wahrnehmen.

Man muss aber keine Sprachtechniken erlernen, um gut vorlesen zu können. Es genügt, wenn höhere oder tiefere Stimmen eingesetzt werden oder Tempo, Deutlichkeit und Lautstärke abwechseln, beruhigen Siglinde Eberhart und Marcel Hinderer in ihrem Übungsbuch zum Stimm- und Sprechtraining.

Eine akustische Begleitung durch ruhige Hintergrundmusik, Lichtquellen oder Kostümierungen steigern das Erlebnis der Zuhörenden und intensivieren somit die Verstehensprozesse, was Belgrad/Schünemann „semi-theatrale“ Interaktionsform nennen.

Kinder sollen Fragen stellen können

Kinder sind in einer Vorlesesituation, anders als beim stillen Lesen, interaktiv involviert. So hat Petra Wieler erstmals 1997 das Vorlesen als wechselseitige bzw. gemeinsame Bedeutungskonstruktion zwischen Müttern und ihren vierjährigen Kindern beschrieben. Vorlesegespräche kommen dem natürlichen Bedürfnis der Kinder entgegen, Fragen zu stellen und sich über das Gehörte auszutauschen. Man kann Kinder auch dazu anhalten, indem man ihnen Fragen zum Gehörten stellt oder die Vorlesegeschichten mit eigenen Erfahrungen in Verbindung bringt.

Die Erkenntnisse aus den Studien können allen Vorlesenden helfen, das Vorlesen lebendig zu gestalten, sie sind aber kein Muss, stellt Maria Becker von der Forschung SIKJM (Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien) in ihrer Zusammenfassung klar. „Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche in den Genuss des Vorlesens kommen.“

Quelle: Maria Becker. Wie Vorlesen wirkt. In: Buch & Maus 1/2018

Fachliteratur

Jürgen Belgrad/Ralf Schünemann:
Leseförderung durch Vorlesen: Ergebnisse und Möglichkeiten eines Konzepts zur basalen Leseförderung
In: Birgit Eriksson: Sprachliches Lernen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Bern: hep Verlag 2011, S. 144–171.

Marlies Hörger
„Da warf er seine Eselshaut ab und war ein wunderschöner Prinz ...”
Märchen im Unterricht geistig behinderter Kinder

In: Geistige Behinderung 41 (2002/2), S. 149–156.

Bildcover

Kaspar H. Spinner
Literarisches Lernen

Praxis Deutsch, 200 (2006), S. 6–16.

Petra Wieler
Vorlesen in der Familie. Fallstudien zur literarisch-kulkturellen Sozialisation von Vierjährigen

Juventa 1997, Weinheim/München

Sieglinde Eberhart, Marcel Hinderer
Stimm- und Sprechtraining für den Unterricht: Ein Übungsbuch

UTB 2015