Die literarische Anwältin der Kinder

Nachruf: Michael Achleitner, Thomas Aistleitner

Was schreibt man über Christine Nöstlinger, was nach ihrem Tod Ende Juni nicht ohnehin landauf, landab medial breitgetreten wurde? Wir lassen sie selbst sprechen und holen dazu teils unveröffentlichte Interviews aus den Archiven.

Porträt Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger war das Aushängeschild der österreichischen Kinderliteratur. Mit ihren witzigen, antiautoritären Büchern hat sie Kinderliteraturgeschichte geschrieben. Ende Juni starb „die Nöstlinger“ 81-jährig an einer Lungenerkrankung.

Die am 13. Oktober 1936 geborene Tochter eines Uhrmachers und einer Kindergärtnerin wollte ursprünglich zur bildenden Kunst. Weil sie sich – nach dem Studium der Gebrauchsgrafik an der Akademie für angewandte Kunst in Wien – als Hausfrau und Mutter zweier Töchter langweilte („Zur Hausfrau hatte ich mich nie entworfen“), zeichnete und schrieb sie 1970 „Die feuerrote Friederike“. „Zuerst habe ich das ja als Bilderbuch angelegt, aber die Geschichte ist immer länger und länger geworden. Ich habe in der ganzen Schulzeit nicht gern geschrieben, sondern lieber gerechnet. Auch im Deutsch-Maturazeugnis hatte ich nur ein Genügend. Aber als ich dann einen Preis für den Text bekam, war ich so erfreut und dachte, okay, dann schreib ich halt, wenn man denkt, dass ich schreiben kann.“

Ein freier Geist

Christine Nöstlinger passte in die damalige Aufbruchstimmung in der Kinderliteratur, und sie gab dem Kinderbuch ganz neue Dimensionen. Ihre bedingungslose Zuneigung zu den Außenseitern, den Unangepassten erinnert an Astrid Lindgren, mit der sie befreundet war. Sie war so etwas wie eine literarische Anwältin der Kinder. „Ich bin ein Kind und habe ein Recht auf alles Kindliche! (...) Ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein! (...) Ich muss mich nicht dauernd danach richten, was Erwachsene wollen! Ich bin ein freies Kind und weiß selbst am besten, was für mich gut ist“, heißt es in „Hugo, das Kind in den besten Jahren“ (1984). Diese Einstellung traf den liberalen Nerv der 1968er-Generation und markierte in Nöstlingers Anfangsjahren eine Zäsur in der Tradition der Zeigefinger-Kinderbuchliteratur.

Nöstlinger setzte sich humorvoll mit problematischen Themen auseinander und kombinierte in einer Sprache mit Dialektanklängen und eigenwilligen Neuschöpfungen realistische Milieuschilderung, Sozialkritik und Fantastik. Sie blickte in ihren Texten nie auf die Kinder herab oder behandelte sie wie kleine Dummerchen, biederte sich ihnen aber auch nie an. Sie selbst bezeichnete sich allerdings als nicht besonders kinderlieb. „Mir sind viele Kinder total unsympathisch. Ich bin vielleicht menschenlieb. Aber ich kann gegen bestimmte Kinder so eine gewisse Abneigung entwickeln – da schimpf ich mich selber. Es ist dieselbe Abneigung, die ich schon als Kind gegen Kinder gehabt habe. Da muss ich mich dann selber zur Ordnung rufen und mir sagen: ‚Der orme Gschropp kann nix dafür.‘“

Die Ein-Mann-Buchstabenfabrik

Die höchst produktive „Ein-Mann-Buchstabenfabrik“ (Nöstlinger über Nöstlinger) schrieb rund 150 Bücher, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke und arbeitete – unter anderem als Literaturkritikerin – für den Rundfunk (legendär ist die Radioserie „Dschi-Dschei-Wischer“, mit der eine ganze Kindergeneration den Morgen begann) sowie diverse Zeitungen und Magazine. „150 Bücher. Das hört sich jetzt viel an, aber da sind ja auch die Franz-Bücher [Geschichten vom Franz (1984–2011)] dabei, die haben ja nicht einmal vier A4-Seiten Text.“

Als eine der ersten deutschsprachigen JugendbuchautorInnen reflektierte sie in den autobiografischen Romanen „Maikäfer, flieg“ (1973) und „Zwei Wochen im Mai“ (1981) Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit. Weitere Titel für Kinder, die man als Weltliteratur bezeichnen kann, sind „Die feuerrote Friederike“ (1970), „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ (1972), „Rosa Riedl Schutzgespenst“ (1979) und „Der Hund kommt!“ (1984). In den letzten Jahren hat sie immer wieder gesagt, dass sie die heutigen Kinder nicht mehr verstehe und deshalb auch nichts mehr schreiben wolle. „Ich würde nicht sagen, ich verstehe die heutigen Kinder nicht, aber ich bin unsicher geworden. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum man dauernd Selfies macht, das ist mir ein Rätsel. Als Kinder wollten wir uns nie fotografieren lassen, ich bin dem nicht mehr sehr nahe.“ Wenn sie für große Kinder schreiben wollte, war ihr Problem zuletzt auch die Musik. „Ich bin halt eine alte Jazz-Liebhaberin und dabei bleibt’s. Zu Zeiten, als meine Töchter in dem Alter waren, hab ich mir vorstellen können, was in einem Menschen vorgeht, wenn er dreizehn ist und ‚Lucy in the sky with diamonds‘ hört und wie schön er das findet. Wenn ich die heutige Popmusik höre, käme es mir verlogen vor, wenn ich das positiv einbringen würde. Jetzt lass ich die Musik immer weg – und das ist eigentlich falsch. Musik ist für Kinder etwas ganz Wichtiges. Aber es käme mir so anbiedernd vor.“

Dennoch bezweifelte sie, dass sich „die Kinder im Allgemeinen“ groß verändert haben. „Über Kinder im Allgemeinen kann man überhaupt nicht sprechen. Kinder sind verschieden. Dennoch haben vermutlich alle Kinder, ob damals oder heute, die gleichen drei Probleme: Eltern, Schule und die Liebe.“ Auch ob Kinder heute weniger oder mehr lesen als früher und wie es mit der Leseförderung zu Hause aussieht, war für sie keine ausgemachte Sache. „Lesen ist ein Kulturverhalten, und wenn alle in der Familie lesen, dann werden wahrscheinlich auch Kinder versuchen zu lesen, weil die immer das Verhalten ihrer Bezugspersonen imitieren. Aber das muss auch nicht unbedingt sein. Ich kenne, ganz nebenbei, sehr viele sehr kluge, nette, liebe, blitzgescheite Erwachsene, die als Kinder kaum etwas gelesen haben. Also, man muss nicht unbedingt Kinderbücher oder Literatur lesen, um ein vernünftiger Mensch zu werden. Aber es kann natürlich auch nicht schaden!“

Kein Zugang zu Harry Potter

Zur Fantasy-Jugendliteratur der letzten Jahre, etwa der Harry-Potter-Serie, hatte Nöstlinger keinen Zugang, wie sie sagte. „Mich hat schon seinerzeit der ‚Herr der Ringe‘ nicht interessiert. Ich mag ja Bücher mit fantastischen Elementen wirklich sehr. Ich hab auch oft genug welche geschrieben, aber die hatten immer mit unserer Welt zu tun. Man kann Utopien erklären, Lösungen anbieten. Außerdem weiß ich von Lehrern, welche Mühe durchschnittliche Kinder haben, 200-Seiten-Bücher zu lesen. Wie erleichtert sie sind, wenn dazwischen eine Illustration zum ‚Ausrasten‘ vorkommt. Und wenn ich mir dann so einen dicken Harry Potter anschaue und ihn auch lese, kann ich mir nicht vorstellen, dass das durchschnittliche Kind diese 550 Seiten durchhält. In meinem Bekanntenkreis kenne ich ein paar Kinder, mit denen wollte ich mich darüber unterhalten. Ich bin draufgekommen, sie haben ein bissel drin geblättert und stückelweise gelesen, mehr nicht. Aber das will ich jetzt nicht allen Kindern unterstellen.“

Die „Nicht-Erzieherin“

Nöstlinger wurde für ihr Schaffen vielfach ausgezeichnet, darunter 1984 für ihr Gesamtwerk mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis und dem ersten Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis (2003), der wichtigsten und weltweit höchstdotierten internationalen Auszeichnung für Kinderliteratur. Der Begründung der Lindgren-Preis-Jury, sie sei eine wahre „Nicht-Erzieherin“, konnte Nöstlinger einiges abgewinnen: „Was haben Kinderbücher mit Erziehung zu tun? Ich schreibe meine Geschichten und biete sie an. Und solange es Kinder gibt, denen sie gefallen, soll es mir recht sein. Ich bin nicht da, um Kinder zu erziehen, ich hasse das Wort Erziehung überhaupt. Begleiten ist ein bisschen besser. Aber ich kann auch nur Kinder begleiten, die mir privat nahestehen. Man hat als Schriftsteller, der für Kinder schreibt, ein bisschen vorsichtig zu sein mit dem, was man Kindern mitteilt – falls man überhaupt glaubt, dass Bücher etwas bewirken können. Ich würde ein Kind in einem Buch nie animieren, sehr aufmüpfig zu sein, sich in schlechten Umständen sehr zu wehren. Ich bin ja dann nicht da, um ihm zu helfen. Aber ich bin weder Pädagogin noch Psychologin.“

Was sie aber dennoch lehrte, war das Kochen. Christine Nöstlinger hat neben ihren Kinder- und Erwachsenenbüchern nämlich auch vier Kochbücher geschrieben. „Mit zwei linken Kochlöffeln“ ist ein Dauerseller. „Wenn auf der Straße ein wildfremder Mann zu mir sagt: ‚Ihnen muss i sogn, i hab meiner Frau des Kochbüchl gschenkt – noch fuffzehn Jahr die ersten Fleischlaberln, die ma essen kann!‘, ist das doch ein schönes Lob, nicht?“

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Christine Nöstlinger
Die feuerrote Friederike

Ab 7 Jahren
78 Seiten
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978-3-7373-6370-9
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Friederike wohnt bei der Annatante. Sie hat eine Katze, die Kater heißt, und rote Haare. Feuerrot, sagen die Kinder und lachen Friederike aus. Sie rufen: „Da kommt die feuerrote Friederike! Feuer! Feuer! Auf ihrem Kopf brennt's!“ Das macht Friederike traurig. Aber weil ihre Haare keine gewöhnlichen roten Haare sind, ereignen sich bald sehr ungewöhnliche Dinge …

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Christine Nöstlinger
Rosa Riedl Schutzgespenst

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Nasti hat Angst vor finsteren Räumen, Angst vor dem Keller, vor Hunden, Angst, allein in der Wohnung zu sein – sie hat immer Angst. Da bekommt Nasti plötzlich Hilfe – von Rosa Riedl, einem liebenswerten und couragierten Gespenst mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, das energisch in das Leben Nastis und sogar einer ganzen Schulklasse eingreift.

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Christine Nöstlinger
Wir pfeifen auf den Gurkenkönig

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Mit Majestät will dieses Kürbis-Gurken-Kronen-Ding angeredet werden, das da plötzlich in der Küche der Familie Hogelmann sitzt und um politisches Asyl bittet. „In diesem Buch erzähle ich, Wolfgang Hogelmann, wie wir den blöden Gurkinger und Kellerkönig Kumi-Ori vertrieben haben. Er hat die ganze Familie furchtbar geärgert. Gemein war er auch. Dann ist noch in der Schule was passiert. Aber das ist noch nicht alles ...“ Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis

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Christine Nöstlinger
Maikäfer, flieg! & Zwei Wochen im Mai (Sammelband)

Ab 11 Jahren
432 Seiten
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978-3-407-74426-5
Preis: € 12,95

„Maikäfer flieg“ (Zeit der Handlung 1944/45) handelt von sehr verschiedenen Menschen, von Trümmerbergen, in der Hauptsache aber von der Freundschaft, die die neunjährige Christine mit einem russischen Koch verbindet. Den Frieden, den die zwölfjährige Christine schließlich in „Zwei Wochen im Mai“ (Zeit der Handlung 1948) erlebt, hat sie sich ganz anders vorgestellt: mit Schinkensemmeln, schönen Kleidern und Dauerwellen im Haar. Das können sich aber nur die leisten, die Schwarzhandel treiben oder „Beziehungen“ haben. Doch dann lernt Christine den Hansi lieben.