Im Ozean der Neuerscheinungen

Literaturtipps von der Frankfurter Buchmesse.

Von Martin Peichl

Es ist schwierig, die Frankfurter Buchmesse in nur wenigen Worten zusammenzufassen: Zu schnell wird man als BesucherIn von den schieren Mengen an Büchern reizüberflutet. Es ist eine Herausforderung, sich durch die vollen Gänge mit und gegen den Strom der anderen MessebesucherInnen zu bewegen. Noch schwieriger ist es, die notwendige Ruhe zu finden, um in den ausgestellten Büchern zu schmökern. Die Frankfurter Buchmesse ist ein beeindruckendes Spektakel, das man aber auch in nüchternen Zahlen wiedergeben kann:

285.024 BesucherInnen

7.503 AustellerInnen

4.000 Veranstaltungen

10.000 JournalistInnen


Aus der Vielzahl an Neuerscheinungen wollen wir einige wenige Bücher, die auch für Vorwissenschaftliche Arbeiten oder Diplomarbeiten relevant sein könnten und somit gut in den Bestand einer Schulbibliothek passen, vorstellen.

1) Sprache schafft Wirklichkeit

Anne Wizorek, Hannah Lühmann
Gendern?! Gleichberechtigung in der Sprache. Ein Für und ein Wider
ISBN 978-3-75619-3

In „Gendern?! Gleichberechtigung in der Sprache – Ein Für und Wider“ führen die Autorinnen Anne Wizorek und Hannah Lühmann Pro- und Kontrapositionen zum komplexen und in der öffentlichen Debatte oft sehr emotional diskutierten Themenbereich „Gendern“ an und gehen der Frage nach, inwiefern Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache möglich (bzw. sinnvoll) ist. Egal auf welcher Seite der Debatte man selbst steht: Es wird beim Lesen schnell deutlich, dass Sprache weit mehr ist als ein Nebenschauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzung.

Anatol Stefanowitsch
Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen
ISBN: 978-3-411-74358-2

Anatol Stefanowitsch beschäftigt sich in seinem Buch „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ mit der Frage, warum „Political Correctness“ auf so viel Widerstand in weiten Teilen der Gesellschaft stößt. Sein Plädoyer: „Gerechte Sprache allein schafft noch keine gerechte Welt. Aber indem wir sie verwenden, zeigen wir, dass wir eine gerechte Welt überhaupt wollen."

Thomas Niehr, Jana Reissen-Kosch
Volkes Stimme? Zur Sprache des Rechtspopulismus
ISBN: 978-3-411-72405-5

Eine Empfehlung für all diejenigen, die sich mit der Sprache des Rechtspopulismus beschäftigen wollen: In ihrem Buch „Volkes Stimme? Zur Sprache des Rechtspopulismus“ beschreiben Thomas Niehr und Jana Reissen-Kosch, wie rechtspopulistischer Sprachgebrauch funktioniert, aber auch wie man diesen Mustern begegnen kann und – noch wichtiger – was man ihnen im Alltag aber auch in der öffentlichen Debatte entgegenhalten kann.

2) Flucht und Migration

Kirsten Boie, Jan Birck, Mahmoud Hassanein
Bestimmt wir alles gut
ISBN: 978-3-95470-134-6

In „Bestimmt wird alles gut“ von Kirsten Boie und Jan Birck (Illustrationen) beschließen die Eltern der Geschwister Rahaf und Hassan, vor dem Bürgerkrieg in Syrien über Ägypten nach Italien und weiter nach Deutschland zu fliehen. Das Besondere an dem Buch ist, dass es zweisprachig ist (mit einer Arabischen Übersetzung von Mahmoud Hassanein). Ein kleiner Sprachführer am Ende des Buches hilft beim Deutsch- bzw. Arabisch-Lernen.

Tim Marshall
Abschottung. Die neue Macht der Mauern
ISBN 978-3-423-28981-8

In seinem Buch „Abschottung. Die neue Macht der Mauern“ beschreibt der amerikanische Autor Tim Marshall das „Zeitalter der Mauern“, das seiner Einschätzung nach erst begonnen hat. Es geht um geplante Mauern (die US-amerikanische Mauer an der Grenze zu Mexiko), um virtuelle Mauern (die Firewall, mit der sich China im Internet gegen Einflüsse von außen abschottet) und natürlich auch um Europas Versuche, seine Grenzen gegen Flüchtlinge zu verteidigen. Der Autor diagnostiziert ein neues Zeitalter der Isolation und des Nationalismus, beschreibt das weltweite Phänomen der Abschottung und befasst sich mit den dahinterliegenden Ursachen.

Dunja Ramadan
Khalid und das wilde Sprachpferd. Geflüchtete begegnen der deutschen Sprache
ISBN 978-3-411-72404-8

In ihrem Buch „Khalid und das wilde Sprachpferd. Geflüchtete begegnen der deutschen Sprache“ hat die Autorin Dunja Ramadan bei arabischsprachigen Flüchtlingen nachgefragt: Wie geht es ihnen mit der deutschen Sprache? Wie fühlt es sich an, in einer neuen sprachlichen Umgebung zu leben? Wie ist ihr Verhältnis zu dieser neuen Sprache und wie ihr Verhältnis zur Erstsprache? Integration wird oft mit Sprachkenntnissen in Verbindung gebracht. Das vorliegende Buch beleuchtet sowohl die großen gesellschaftspolitischen Fragen, erzählt aber auch von individuellen Erfahrungen und menschlichen Schicksalen – und schafft es auf diese Weise zu vermitteln, zu übersetzen, auch zwischen den Kulturen.

3) Identität(en)

Pirmin Beeler
Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen
ISBN 978-3-03731-180-6

In seiner Graphic Novel „Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen“ charakterisiert Pirmin Beeler eine Frau, die versucht, ihre schwierige Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die Geschichte dreht sich um ein kurdisches Dorf im Südosten der Türkei, um das Überwinden einer schweren psychischen Erkrankung und die Flucht vor der eigenen Vergangenheit. In melancholischen und berührenden Bildern erzählt das Buch von der Schwierigkeit, die eigene Biografie in Worte zu fassen. 

Meg-John Barker, Julia Scheele
Queer. Eine illustrierte Geschichte
ISBN 978-3-89771-311-6

Die Autorinnen von „Queer. Eine illustrierte Geschichte“, Meg-John Barker und Julia Scheele, haben die Form des Sachcomics gewählt, um die Entstehung der Queer-Theorie und des LGBTQ*-Aktivismus zu thematisieren. Es geht außerdem um Identitätspolitik, Geschlechterrollen, Privilegien und die Frage, wie unser heutiges Bild von Geschlecht und Sexualität entstanden ist. Das Comicbuch schildert historische Entwicklungen, erklärt Begriffe und stellt Bewegungen und verschiedene Theorien vor.

Jack Urwin
Boys Don’t Cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit
ISBN 978-3-96054-042-7

Jack Urwin thematisiert in seinem Buch „Boys Don’t Cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit“ die starren Männlichkeitsbilder und stößt eine Debatte an, wie eine positive, moderne Männlichkeit aussehen könnte. Es geht um toxische Maskulinität und ihre Folgen für unsere Gesellschaft. In einem Kapitel widmet sich der Autor zum Beispiel dem „idealen Mann“ und beschreibt, wie medial vermittelte Körperbilder und oberflächliches Konsumdenken moderne Männlichkeit mitdefinieren, in einem anderen Kapitel analysiert er die destruktive Natur verdrängter Gefühle.

4) Gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen

Ute Schaeffer
Fake statt Fakt. Wie Populisten, Bots und Trolle unsere Demokratie angreifen
ISBN 978-3-423-26190-6

„Fake statt Fakt. Wie Populisten, Bots und Trolle unsere Demokratie angreifen“ ist der Versuch, die Veränderungen des öffentlichen Raumes zu beschreiben. Die Autorin Ute Schaeffer beschreibt, wie Posts in sozialen Medien unmittelbaren Einfluss auf Wahlergebnisse haben können und die Prozesse, die unsere Gesellschaft spalten und demokratische Institutionen unglaubwürdig machen. Sie diagnostiziert: Es geht um Stimmungen, nicht mehr um Fakten. Weiters wird das Phänomen der Echokammern und Meinungsräume im Internet beschrieben und wie diese von populistischen Parteien genutzt werden.

Paul R. Daugherty, H. James Wilson
Human + Machine. Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit
ISBN 978-3-423-28993-1

In „Human + Machine. Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit“ von Paul R. Daugherty und H. James Wilson geht es um die Tatsache, dass künstliche Intelligenz längst Teil unserer Arbeitswelt geworden ist. Diese Entwicklung wirkt sich unmittelbar auf die Arbeitsprozesse aus und fordert neue Konzepte und Ansätze. Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz jetzt schon, welche Rolle wird sie in der Zukunft spielen und wie können Mensch und Maschine als Team zusammenarbeiten? Diese und ähnliche Fragen werden in dem vorliegenden Buch aufgegriffen und diskutiert.

Sorority (Hg.)
No More Bullshit. Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten
ISBN 978-3-218-01134-1

Das vom Frauennetzwerk Sorority herausgegebene Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten mit dem klingenden Namen „No More Bullshit“ hat es sich zum Ziel gesetzt, mit sexistischen Vorurteilen aufzuräumen. Bekannten Killerphrasen wie „Der Pay Gap ist ein Mythos“ werden Fakten gegenübergestellt. Das Handbuch versammelt Texte von Wissenschaftler*innen, Expert*innen und Künstler*innen und ist ein wichtiger Beitrag gegen sexistische Alltagskommentare, gewährt aber auch Einblick in verschiedene Auffassungen von Feminismus.