Brausepulver im Körper

Von Michael Achleitner

Ein Kinderbuch über Verhaltensauffälligkeiten, das zeigt, dass solche nicht immer gleich (Zwangs)Störungen sind. Kindgerecht umgesetzt, in einer wunderbar bildhaften Sprache geschrieben.

Ausschnitt des Covers: Unendlich mal unendlich mal mehr

Petra, die Ich-Erzählerin im Kinderroman von Ingrid Ovidie Volden, liebt gerade Zahlen, denn die lassen sich wunderbar teilen. Also kämmt sie sich ihre Haare fünfmal auf der linken und fünfmal auf der rechten Seite, denn das ergibt zusammen zehn, die beste aller Zahlen, und sie isst niemals ein, sondern immer nur zwei Brote. Aber dann lernt sie in der Schule die Zahl Pi kennen, in ihren Augen die unperfekteste aller Zahlen, die nicht einmal ein Ende hat. Das ist zu viel, sie muss sich in der Klasse übergeben.

Für ihren Schulpsychologen, zu dem sie nach diesem Vorfall geschickt wird, muss sie sich dann auch noch mit ihrem Angst-Element Wasser anfreunden. Ihr Freund Chris rettete sie einst vor dem Ertrinken in einem eiskalten See – seitdem geht Petra nicht mehr ins Wasser. Nur Thomas, der neue Bub aus dem Schwimmbad – ihr „Propellerjunge“ –, kann ihr Halt geben. Ihm zuliebe wagt sie sogar den Sprung ins Wasser und fängt an, sich freizuschwimmen, und das obwohl Thomas 13 Jahre alt ist, und 13 ist nun wirklich eine schlimme Zahl, eine Primzahl. „Und noch schlimmer als schlimmer: eine Unglückszahl. Thomas ist eine Unglückszahl, der Primzahlensport treibt.“

Leise Töne, mächtige Bildsprache

Die norwegische Autorin Ingrid Ovidie Volden legt mit ihrem Debütroman „Unendlich mal unendlich mal mehr“ (Originaltitel: Alt som teller) eine kleine Geschichte mit überschaubaren Kapitellängen vor, die dementsprechend auch für Kinder mit Leseschwierigkeiten gut geeignet ist. Dabei setzt sie auf reduzierte, leise Töne und arbeitet so wunderbar mit sprachlichen Bildern, dass ihre kleine Geschichte zu einer stilistisch überzeugenden Erzählung wird (Nora Pröfrock liefert eine herausragende Übersetzungsleistung ab). Chris etwa „bleiben schon mal die Wörter im Hals stecken“ (er stottert). Da er beim Schreiben ausschließlich Großbuchstaben verwendet („er spricht in Großbuchstaben“), „brüllt er alles, was er schreibt“. Wenn Petra aufgeregt ist, fühlt es sich für sie an, als ob jemand Brausepulver in ihren Körper geschüttet hätte. Und als sie sich dann tatsächlich ins Wasser traut, schäumt dieses Brausepulver in ihr schier über.

Kleiner Kinderroman, große Literatur

Ein intensives, ungewöhnliches Romandebüt, ein Kinderbuch über Freundschaften, in dem auch Zahlen eine ganz wichtige Rolle spielen. Aber es ist viel mehr als das: Es ist der Versuch, sogenannte Zwangsstörungen nicht überzubewerten, ein Buch über Toleranz, Sensibilität, Angst, Verletzung, Zwänge, Liebe und Verantwortung. Ein Buch für Kinder ab 10 Jahren, das keinesfalls nur für Mädchen geeignet ist. Ein schönes Kinderbuch. Leseempfehlung.

Das Buch

Buchcoverabbildung

Ingrid Ovedie Volden
Unendlich mal unendlich mal mehr

Ab 10 Jahren
Thienemann
158 Seiten
ISBN: 978-3-522-18461-8

Preis: € 13,40

Petra liebt gerade Zahlen, denn die lassen sich teilen, ohne dass man sie kaputt macht. Sie mag Fußball, ihren Kumpel Chris und ihre beste Freundin Melika. Was sie gar nicht mag, ist Wasser: dieses unkontrollierbare Etwas, das sich in alle möglichen Richtungen bewegt. Doch dann lernt sie Thomas kennen, den Propellerjungen aus dem Schwimmbad. Ihm zuliebe wagt sie sich sogar mit dem Kopf unter Wasser – und plötzlich ergibt alles einen Sinn.

Über die Autorin

Porträt Ingrid Ovedie Volden

Ingrid Ovedie Volden, 1981 geboren, hat Politikwissenschaften studiert und lebt in Oslo, wo sie für „Sunne kommuner“, den norwegischen Ableger des Gesunde-Städte-Netzwerks der WHO, arbeitet. Darüber hinaus ist sie seit mehreren Jahren als Musikkritikerin für die Zeitungen „Klassekampen“ und „Morgenbladet“ tätig. Ihr Debütroman „Alt som teller“ wurde in ihrem Heimatland bisher ausgesprochen positiv aufgenommen und ist bereits nach Schweden und Dänemark verkauft worden.