Die Freiheit, ein cooles Ding

Gastbeitrag von Gabriele Basty (Schulbibliothekarin am Akademischen Gymnasium Wien)

Ein Roman für Jugendliche über Totalitarismus und Widerstand.

Ausschnitt aus dem Buchcover

Sieben Kinder, sieben Familien, sieben Schicksale, sieben Kapitel, sieben Autorinnen:  Der Roman „Wir haben gar nichts kommen sehen“ handelt von dem Unglaublichen: Nach einer Wahl wandelt sich eine Demokratie in eine Diktatur.

„Unterschiede sind doch gerade das Schöne“, meint der elfjährige Hector ungläubig an dem Wahlabend, der sein Leben und das seines Freundes Walid schlagartig verändern wird. Sehr rasch wird klar, dass das Regime all jene ausschließt und verfolgt, die anders sind:  jene, die der neuen „Farbskala“ nicht entsprechen, jene, die alternative Lebensmodelle gewählt haben, jene, die nicht den Vorgaben des Regimes entsprechen.

In jedem Kapitel kommt eine der Autorinnen zu Wort und erzählt aus der Perspektive eines der sieben Kinder, wie die gewohnte Freiheit durch neue Regeln und Gesetze sukzessive verschwindet: Sieben Familien aus verschiedenen Milieus, mit unterschiedlichen Einstellungen gegenüber dem Regime, das sich langsam als immer autoritärer, totalitärer und menschenverachtender herausstellt, werden vorgestellt. Das Spektrum der Verhaltensweisen der Familien erstreckt sich von Begeisterung und Verblendung über Anpassung bis hin zu Flucht oder Widerstand.

Leitmotivisch zieht sich der Titel des Romans durch die Handlung, jedoch ohne dass dabei der moralische Zeigefinger erhoben würde. Unaufdringlich, fast nebenbei wird das Thema aus den unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Im vierten Kapitel sagt etwa die Mutter eines Protagonisten: „Wir haben gar nichts kommen sehen. Solange man nicht betroffen ist, solange es nur die Nachbarn betrifft, schaut man lieber weg, wir genauso!“

Der französische Schriftsteller Stéphane Hessel, spätestens seit seinem Pamphlet „Empört euch!“ auch im deutschen Sprachraum bekannt, richtet im Vorwort eine Botschaft an die junge Leserschaft. Er fordert sie auf, nicht auf das Erwachsensein zu warten, um politisch aktiv zu werden, sondern schon heute aufzustehen gegen das, was sie empört, und Widerstand zu leisten.

Die deutsche Übersetzung von Margret Millischer trifft den leichten Erzählton des französischen Originals mit bewundernswerter Genauigkeit. „Wir haben nichts kommen sehen“ ist ein Roman, der zum Nachdenken anregt und Schülerinnen und Schülern viele Gelegenheiten bietet, selbst weiterzuschreiben.

Das Buch

Buchcoverabbildung

Anne-Gaëlle Balpe, et al.
Wir haben gar nichts kommen sehen

Ab 11 Jahren
Edition Bernest Wien
111 Seiten
ISBN: 978-3902984517

Preis: € 12,00

Das Buch setzt am Abend des Tages ein, an dem die Partei der Freiheit die Wahlen gewinnt. Große Begeisterung herrscht in der Stadt, Freudentaumel, Umzüge. Aber nicht alle freuen sich, im Gegenteil, die Ersten packen schon ihre Sachen und verlassen das Land; andere warten noch ab, versuchen, sich zu arrangieren, glauben, dass es schon nicht so schlimm sein wird.
Sieben Jugendliche, die unterschiedlich reagieren, als Identifikationsfiguren: Und wie würde ich reagieren, wenn …?