„Klein, aber fein“

Interview: Michael Achleitner

Mit Unterstützung durch den in Wels ansässigen Verein Buch.Zeit hat der städtische Kindergarten Vogelweide eine moderne, kindgerechte Bibliothek aufgebaut. Kindergartenpädagogin und -leiterin Susanna Mang erzählt im Interview über die Entstehung und Nutzung der offen geführten Bücherei für kleine Leseratten.

Die Kindergartenbibliothek Vogelweide in Wels

Frau Mang, wie kam es zu dem Projekt der Kinderbibliothek?
Susanna Mang: Wir hatten jede Menge Bücher im Kindergarten, aber leider auch den Überblick verloren, welche genau wir überhaupt wo hatten. Sie wurden alle in verschlossenen Kästen aufbewahrt. Wir wollten, dass die Kinder selber Bilderbücher ausleihen und mit nach Hause nehmen können. Als dann Stefanie Jörgl von der Buch.Zeit mit uns in Kontakt trat, nahm das Projekt Kindergartenbibliothek Fahrt auf.

Welches Ziel wird mit der Bibliothek verfolgt?
Wir haben den Auftrag, Sprachförderung im Kindergarten zu betreiben. Da Eltern die wichtigsten Bezugspersonen und Lesevorbild für ihre Kinder sind, wollen wir sie miteinbeziehen. Eltern können jetzt Kinderbücher ausborgen und müssen sie nicht kaufen. Vielleicht verlieren manche Eltern auch die Scheu, eine öffentliche Bibliothek zu besuchen oder in eine Buchhandlung zu gehen. Wir haben nicht nur Kinderbücher, Eltern können sich auch Fachbücher und Elternratgeber ausborgen. Die Kinder bekommen schon in frühen Jahren Kontakt zu einer Bibliothek.

Wer kann die Bibliothek nutzen?
In erster Linie unsere Kindergartenkinder, deren Eltern und auch die Pädagoginnen, für die Fachbücher vorrätig sind.

Wie viele Bücher umfasst Ihre Bibliothek?
Wir haben rund 1400 Kinderbücher und ca. 400 Fachbücher.

Nach welchen Kriterien werden Bücher für die Bibliothek ausgewählt?
Viele Mädchen sind anfangs zu uns gekommen und meinten, wir hätten zu wenig Bücher über Pferde. Wir haben uns also Pferdebücher besorgen müssen, auch viele Glitzerbücher. Damit will ich sagen, dass wir viele sehr gute, pädagogisch wertvolle Bücher bei uns haben, aber wir kaufen eben auch Bücher zu Themen ein, die derzeit im Trend liegen, damit auch Kinder, die überhaupt nicht buchaffin sind, zu Büchern greifen.

Was verstehen Sie unter einer kindgerechten Bibliothek? Was unterscheidet sie von einer Bibliothek für Erwachsene?
Die Kinder müssen das Angebot sehen können. Die Bibliothek sollte nicht irgendwo versteckt sein – gleich in der Aula, im Zentrum des Kindergartens, das wäre das Beste. Bei den Kindergartenkindern geht es um das Schauen, nicht ums Lesen. Die Buchcover müssen immer ausgestellt sein. Wühlschütten, in denen die Kinder in den Büchern wühlen können, sind ein ganz wesentlicher Bestandteil der Bibliothek. Auch sollte der Ort belebt, ja bespielt werden, er soll ansprechend und gemütlich sein. Die Kinder sollen sich wohlfühlen.

Wie werden die Bücher präsentiert?
Wir reihen sie nicht wie herkömmliche Bibliotheken alphabetisch von A bis Z. Wir haben die Bücher mit Bildern und Farben in Gruppen unterteilt: Tierbücher, Märchen, Kindergartenbeginn sind eigene Gruppen, Schulbeginn, Wimmelbücher, fantastische Geschichten, Menschen oder der Jahreskreis, der besonders wichtig ist im Kindergarten. Für die Pflanzenbücher haben wir ein Pflanzensymbol. Die Ernährung ist mit der Abbildung eines Brotes gekennzeichnet. Wetterphänomene gibt es in der Gruppe „Biologie allgemein“, diese Bücher sind mit dem Bild „Regen und Wolken“ symbolisiert. Diese Zuordnungen können dann gerade Kinder im letzten Kindergartenjahr schon gut verstehen.

Wie können sich die Kinder Bücher ausborgen?
Das funktioniert wie in einer Bibliothek für Erwachsene auch. Es gibt einen Leihpass mit Namen, Foto und Bibliotheksnummer. Jeder Kindergartengruppe steht einmal in der Woche am Vormittag die Bibliothek offen. Die Kinder kommen in dieser Zeit mit ihren Pädagoginnen hierher und können in den Büchern schmökern. Die Betreuerinnen fragen die Kinder dann, welche Bücher sie ausleihen möchten. Manche haben konkrete Vorstellungen, suchen etwa ein Buch über Fahrzeuge, über Werkzeug, oder sie sagen: „Meine Mutter bekommt ein Baby. Gibt es dazu ein Buch?“ Das sind Kinder, bei denen wir merken, dass zu Hause gelesen und dass mit den Kindern gesprochen wird. Andere Kinder kommen und schauen sich nur die Buchcover an, die sie ansprechen, und diese Bücher nehmen sie dann mit. Nach einer Woche bringen die Kinder das Buch in einer eigenen Büchertasche wieder zurück.

Wie wird das Angebot angenommen?
Sehr gut. Es gibt immer wieder Eltern, die kommen in der Früh, setzen sich mit den Kindern in die Bibliothek, oder aber es kommen ein Bruder oder eine Schwester mit, die schon in die Schule gehen und unsere Bibliothek schon kennen. Auch die setzen sich hinein und lesen ein Buch oder schauen sich eines an, bis ihre Mama das kleine Geschwisterchen ausgezogen hat. Das finde ich schon fantastisch.

Wie hat Sie die Buch.Zeit unterstützen können?
Das Team der Buch.Zeit war federführend bei der Planung und Finanzierung und hat wertvolle technische und logistische Unterstützung geleistet. Herr Lanzinger (Vorstand Buch.Zeit) hat die gesamte Planung der Bibliothek übernommen, das Magistrat die Umbauarbeiten finanziert. Entscheidend war, dass ich einen Bibliothekskurs der Buch.Zeit besuchen durfte, den gleichen Kurs, wie ihn Schulbibliothekarinnen und Schulbibliothekare besuchen. So habe ich einen guten Einblick erhalten. Anders wäre es mir nicht möglich gewesen, eine Bibliothek wirklich gut zu führen, denn es fehlt mir das Fachwissen. In dm Kurs habe ich auch gelernt, mich von Büchern zu trennen (lacht). Auch meine Pädagoginnen haben von Frau Jörgl eine zweistündige Einführung in die Bibliotheksarbeit bekommen. Es hat trotzdem zwei Jahre oder sogar noch länger gedauert, bis wir wieder alle Bücher verwenden konnten, die wir hatten – wir mussten ja alle zuerst einmal sichten und systematisieren. Aber die Mühe hat sich gelohnt.

Wenn Sie sich noch etwas für die Bibliothek wünschen könnten, was wäre das?
Nichts Materielles. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde ich mir Lesepatinnen und Lesepaten wünschen, die öfters kommen. Es ist toll zu sehen, wie die Kleinen, wenn sie eine Geschichte vorgelesen bekommen, an ihren Lippen kleben.

Kontakt

Stadt Wels Logo

STADT WELS
Kinderbetreuung

Kindergarten Vogelweide
Susanna Mang
Eiselsbergstraße 23a
4600 Wels
Tel.: +43 7242 235 6800
E-Mail: kgvo@wels.gv.at

Die Kindergartenbibliothek Vogelweide in Wels
Die Kindergartenbibliothek Vogelweide in Wels

Buchtipp

Elisabeth Steinkellner

Vom Flaniern und Weltspaziern


ab 7 Jahren | 112 Seiten |
Verlag: Tyrolia | Preis: € 16,95

Buchcoverabbildung

Steinkellner hat es wieder geschafft, mit Wörtern zu spielen und Kindern die Lust am Weiterreimen zu vermitteln. Absurd-witzig und nachdenklich-still zugleich, hat ihr neues Buch das Potenzial, Kinder zu verzaubern.

Zur Rezension ...