„Auf den Punkt gebracht“

Nach dem Riesenerfolg der beiden Teile seines Werks „Der letzte Engel“ keht Zoran Drvenkar mit seinem neuen Jugendroman „Licht und Schatten“ zurück. Zum Erscheinungstermin hat der Autor Fragen zur Entstehungsgeschichte und zu seiner Autorenschaft beantwortet.

Zoran Drvenkar an seinem Arbeitsblatz
Zoran Drvenkar an seinem Arbeitsblatz

Wo arbeiten Sie am liebsten?
Zoran Drvenkar: Unter dem Dach in einem Zimmer von zehn Metern Länge und einer Breite von sechs Metern. Hier oben arbeite ich am liebsten, aber der Raum könnte sich in Irland oder Norwegen befinden, wichtig sind nur seine Maße – wie ich Luft zum Atmen brauche, brauche ich Luft zum Schreiben.

Welches Buch liegt momentan auf Ihrem Nachttisch?
Der Nachttisch ist ein Sofatisch und auf diesem Tisch stapeln sich an die achtzehn Bücher, die geduldig warten, dass ich sie aufschlage. Ab und zu knurren sie oder rutschen vom Stapel, in der Hoffnung, meine Aufmerksamkeit zu wecken. Darunter sind zwei Romane von James Carlos Blake und das letzte Buch von Joseph Boyden, „The Orenda“, das ich zum zweiten Mal lese.

Was macht für Sie eine gute Geschichte aus?
Wahre, echte Charaktere. Ich muss an die Charaktere glauben und ihnen vertrauen, sonst sind sie für mich nicht real. Dann ist da die Sprache, die nicht gestelzt daherkommen sollte. Ich brauche auch das sichere Gefühl im Ton des Schriftstellers, der ganz genau weiß, was er tut und es nicht irgendwelchen geschmiedeten Sätzen überlässt, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Und schließlich gibt es die Geschichte selbst, die oftmals ihre Wichtigkeit verliert, wenn mich Sprache und Charaktere überzeugen. Aber sollte die Geschichte falsche Wege einschlagen und sich in Unlogik verirren, dann blecke ich die Zähne und pfeffere das Buch an die Wand.

Wie starten Sie in die Arbeit an einem neuen Buch?
Zu Beginn gibt es eine Idee, einen Funken, der zu den ersten Seiten führt. Eine Szene entsteht, die kaum was verrät, aber diesen Funken einfängt, den ich dann hege und pflege, immer wieder lese, bis ich mich dann entscheide, aus dieser Idee einen Roman zu machen. Der Funke wird zum Feuer. Dabei sind mir die Charaktere und das gesamte Szenario noch nicht in ihrer Gänze bewusst. Ich bewege mich durch eine Welt, die sich Kapitel für Kapitel selbst neu erschafft. Diese Art des Schreibens macht die Geschichte unberechenbar und mich selbst ungemein unsicher, weil ich mich zwischendurch immer wieder frage, was das soll und wohin es führt. Mit der Zeit beginnt sich der Nebel zu lichten und ich überblicke die Geschichte, und genau da beginnt die harte Arbeit – die Fäden zusammenzuführen und die Charaktere zu verbinden, aus dem Chaos des launischen Erzählens wie ein Giacometti des Schreibens die Essenz der Geschichte herauszuholen, das Überflüssige wegzuzupfen und eine Klarheit hineinzubringen.

Woher nahmen Sie die Inspiration für Vidas Welt?
Da war die Anfangsszene, da waren Vidas Eltern, und ich spürte die Sehnsucht und die Hoffnung, die sie umschloss. Ich wusste ihre Namen nicht, noch wusste ich zu dem Zeitpunkt, dass es eine Vida geben würde. Und wie ich über ihre Eltern schrieb, spürte ich die Dunkelheit, die sie umschloss, und die Vergangenheit, die sie an diesen trostlosen Ort in Sibirien geführt hatte. Nach der ersten Szene habe ich erst mal nach Luft geschnappt, denn der neue Kosmos stand für mich fest. Ich spürte die Kälte, roch den Schnee und das Feuer und konnte das verlogene Raunen der Dorfbewohner hören. Solche Momente sind unheimlich. Ich stehe als Schriftsteller hilflos gegenüber meiner eigenen Geschichte.

Der Buchtitel „Licht und Schatten“ lässt eine klare Einteilung der Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß vermuten – ist es so einfach?
Es wäre wunderbar angenehm, wenn es so einfach wäre. Der Titel ist keine Einteilung, er kam erst, nachdem das halbe Buch geschrieben war und ich mich entschieden hatte, wohin es geht. Licht und Schatten waren bei mir schon immer Thema. Es geht nicht um den Konflikt zwischen Gut und Böse. Den Konflikt habe ich durch das Schreiben meiner anderen Bücher genug durchleuchtet und verstanden. Hier geht es mehr um die Wurzeln des Bösen und um das Verständnis und den Kampfgeist, den man aufbringen sollte, um sich der Dunkelheit zu stellen und ein wenig mehr Licht in das Leben zu bringen.

Ihre Hauptfigur Vida beschreiben Sie ganz zu Beginn als „das Mädchen, das geboren werden wollte“ – ein Mädchen mit einem starken Willen, ohne Frage. Welche weiteren Eigenschaften würden Sie Vida zuschreiben?
Vida treibt das unermüdliche Bestreben an, die Welt zu verstehen und sich jeglichem Widerstand zu stellen. Sie hat einen unersättlichen Hunger nach Wissen, der auch dazu führt, dass sich die Arme vollkommen verläuft und stolpert und fällt. Doch Vida ist nicht jemand, der aufgibt; sie ist jemand, der die Zähne zusammenbeißt und noch einmal den falschen Abzweig nimmt, um herauszufinden, warum sie den falschen Abzweig das erste Mal überhaupt genommen hat. Manchmal ist sie bodenlos stur und manchmal sowas von dickköpfig, dass man sie wie eine Katze auf einen Baum jagen möchte. Und sie wird von einer unerschöpflichen Sehnsucht nach ihrer Mutter angetrieben, von dem tiefen Wunsch, ein Zuhause zu finden und in diesem Leben anzukommen.

Die Geschichte von Licht und Schatten wird nicht allein aus der Perspektive von Vida erzählt. Sie spielen mit verschiedenen Perspektiven, schreiben unter anderem aus der Perspektive eines Bärenjungen. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Diese Idee ist dem Rhythmus der Geschichte geschuldet, sie ist nicht geplant und würde falsch wirken, wenn sie der Teil eines großen Plans gewesen wäre. Wann immer sich ein Kapitel seinem Ende nähert, weiß ich nicht wirklich, wie es danach weitergeht und an wen der Ball abgegeben wird. Oft folge ich einer Logik, doch größtenteils ist es reiner Instinkt, der mich die Szenerie wechseln und ganz woanders einen Neuanfang antreten lässt. Dadurch bekommen meine anderen Charaktere die Chance, ein wenig durchzuatmen, während ich mich ihnen langsam wieder nähere. Der Bär war nicht geplant, wollte aber aus der Erzählung heraus mehr Raum für sich haben. Ich gehorchte brav, wie es jeder Schriftsteller tun sollte, der seine Charaktere liebt.

Inwieweit unterscheidet sich „Licht und Schatten“ von Ihren bisherigen Büchern?
Der Roman ist ein wenig verwandt mit dem „Letzten Engel“ (Literacy.at berichtete), was die Epik angeht. Nur dass in diesem Buch die Zartheit von Vidas Seele das Ruder rumreißt und dem Erzählen eine Welt öffnet, die mir selbst neu war. Es ist ein Buch, das aus der Liebe heraus entstand und mit Verlust, Trauer und Sehnsucht umgeht. Auch wenn alle meine Romane dieses Thema berühren, hat es keines dieser Bücher vorher so sehr auf den Punkt gebracht.


Das Interview wurde von der Redaktion gekürzt.
Mit bestem Dank an Beltz & Gelberg.

Über den Autor

Porträt von Zoran Drvenkar

Zoran Drvenkar wurde 1967 in Kroatien geboren und zog als Dreijähriger mit seinen Eltern nach Berlin. Seit über 20 Jahren arbeitet er als freier Schriftsteller. Zoran Drvenkar schreibt Romane, Gedichte und Theaterstücke über und für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Er wurde für seine Bücher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt heute in einer alten Kornmühle in der Nähe von Berlin.

Das Buch

Buchcover

Zoran Drvenkar
Licht und Schatten

Ab 14 Jahren
584 Seiten
Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN:  978-3-407-75462-2

Es ist der Winter 1704 und der Tod sitzt auf dem Wipfel einer Tanne und wartet geduldig auf die Geburt eines Kindes. Er ist nicht der Einzige – ein Raunen wandert um die Welt und die Schatten lauschen mit gespitzten Ohren.

Eine Rezension des Buches finden Sie hier.