In den Regalen des eigenen Lebens stöbern

Autobiografisches Schreiben mit Jugendlichen.

Von Martin Peichl

Menschen sind „storytelling animals“ (Jonathan Gottschall). Mithilfe von Geschichten ordnen wir unsere Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse. In den Tagebüchern von Max Frisch findet sich der Satz: „Schreiben heißt: sich selber lesen.“ Mit anderen Worten: Schreibend lernen wir uns besser kennen.

Autobiografisches Schreiben ermöglicht Jugendlichen, über ihre eigene Biografie nachzudenken und ihre eigene Zukunft zu planen. Die Schulbibliothek kann hierbei der Ort sein, an dem dieses Reflektieren ermöglicht wird, an dem die Spuren des eigenen Lebens sichtbar gemacht werden.

Die im folgenden Artikel zusammengefassten Überlegungen basieren unter anderem auf der Publikation „Wie wir schreiben“ (ein Handbuch des autobiografischen Schreibens, herausgegeben von Ernst Schmiederer):

Screenshot

Theorie des autobiografischen Schreibens

Autobiografisches Schreiben wählt ganz bewusst einen niederschwelligen Ansatz und ist daher für alle Altersgruppen und besonders für Schreibanfänger/innen geeignet. Im Zentrum der Texte stehen schlaglichtartige Ereignisse, persönliche Erinnerungen und Erfahrungen sowie Wünsche für die Zukunft. Es ist also eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft gleichermaßen. Die Themenfelder, die für autobiografische Texte herangezogen werden, sind ganz nah an der Lebensrealität der Jugendlichen: Herkunft, Lebenssituation, Freundschaft, Wünsche, Ängste, Vorstellungen über die Zukunft.

Es gibt kein „Richtig“ oder „Falsch“ beim autobiografischen Schreiben. Positives Feedback ist aber erlaubt. Es ist empfehlenswert, die Schüler/innen den ersten Entwurf ihrer Texte mit der Hand schreiben zu lassen. Dies fördert einen unmittelbaren, impulsiven und assoziativen Zugang zu den eigenen Gedanken. Die bearbeiteten und abgetippten Texte können mit Einwilligung der Schreibenden und mit Fotos ergänzt in der Bibliothek oder im Schulhaus präsentiert werden.

Abb. 1: Autobiografische Texte in der Schulbibliothek
Autobiografische Texte in der Schulbibliothek

Autobiografisches Schreiben und Erzählen löst einen Prozess der Selbstreflexion aus und fördert somit auch den gezielten Aufbau von Selbstkompetenz. Die Jugendlichen erkennen eigene Stärken und Schwächen, bauen Vertrauen in die eigenen Ressourcen auf und können Visionen für ihre Zukunft entwickeln und die Verwirklichung von Lebensentwürfen planen. Darüber hinaus lernen sie, Heterogenität zu akzeptieren und entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit den anderen Schreibenden. Nicht zuletzt erweitern sie ihre Ausdrucksmöglichkeiten und ihren Wortschatz.

Schreibimpuls 1: Themenkreis HEIMAT und SPRACHE

Die Themen „Heimat“ und „Sprache“ sind eng miteinander verwoben. Unter dem Begriff „Heimat“ versteht jede/r etwas anderes. Manchmal geht es um den Ort, an dem wir geboren worden sind bzw. an dem wir aufgewachsen sind, oft aber auch um Menschen, Freunde und Bekannte. Die folgenden Fragen können den Schüler/innen dabei helfen, ihren Text vorzubereiten:

  • Wo fühle ich mich zu Hause?
  • Warum fühle ich mich dort zu Hause?
  • Was fehlt mir, wenn ich nicht zu Hause bin?
  • Was bedeutet der Begriff „Heimat“ für mich persönlich?

„Für viele Menschen bedeutet der Klang der Muttersprache bereits ein Stück Heimat und Geborgenheit“, heißt es in der Publikation „Wie wir schreiben“. Folgende Fragen können herangezogen werden, um über die eigene Sprachbiografie nachzudenken:

  • Welche Sprache spreche ich?
  • Wo habe ich diese Sprache gelernt?
  • Welche Sprachen spreche ich noch?
  • Welche Sprachen würde ich gerne sprechen können?
  • Wann und mit wem spreche ich welche Sprache?
  • Was fällt mir sonst noch zum Thema Sprache ein?

Die aus diesen Fragen heraus entstehenden Texte können zusätzlich durch ein Sprachenporträt ergänzt werden bzw. kann davon ausgehend Mehrsprachigkeit in der Schulbibliothek thematisiert und sichtbar gemacht werden. Ältere Schüler/innen können sich auch mit Wittgensteins berühmtem Zitat „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ auseinandersetzen. Die Schulbibliothek kann passend dazu sprachkritische Texte (z.B. Peter Handkes „Kaspar“ oder Ingeborg Bachmanns „Malina“) zusammenstellen oder als Medienpaket anbieten.

Weitere Schreibimpulse zum autobiografischen Schreiben folgen im dritten Teil dieser Serie:
Schreibimpuls 2: Themenkreis LEBEN IN DER STADT/LEBEN AUF DEM LAND
Schreibimpuls 3: Themenkreis SCHULE und LERNEN