Von sichtbaren und unsichtbaren Listen

Kreative Schreibimpulse für die Bibliotheksarbeit

Von Martin Peichl

Listen helfen uns, den Alltag und unser Leben zu strukturieren. Sie erinnern uns an Dinge, die wir erledigen müssen, die wir nicht vergessen dürfen. Ihre wahrscheinlich berühmtesten Vertreterinnen sind die Einkaufsliste und die To-do-Liste. Gleichzeitig steckt in ihnen aber auch ein poetisches Potential, das man für kreative Schreibaufgaben nutzen kann.

Schreibimpuls 1: Aufwärmübung

Zum Einstieg schreiben Schüler/innen einfache Listen zu alltäglichen Themen:

  • 10 Dinge, die ich auf meinem Schulweg gesehen habe
  • 5 Orte, an denen ich jetzt lieber wäre
  • 3 Erfindungen, auf die ich nicht verzichten möchte

Die fertigen Listen können in weiterer Folge als Basis für das Verfassen von Gedichten oder anderen kreativen Texten dienen. Geübt werden: Genaues Beobachten, Vielfalt und Variation, das Einbauen von überraschenden Brüchen, Rhythmus und Klangmuster, Kontinuität und Wiederholung. Ein Gedicht in Listenform zeigt außerdem wie Zeilen als Bauelement von Lyrik funktionieren und welche Wirkung Zeilenumbrüche auf den Gesamttext haben. (Weitere Informationen zum Gedicht in Listenform findet man in Klaus W. Vopels „Schreibwerkstatt“).

Variante: Literarische Figuren schreiben eine Einkaufsliste bzw. eine To-do-Liste!
Wie würde Harry Potters Einkaufszettel aussehen?
Was würde auf Fausts To-do-Liste stehen?
Die in diesem Rahmen entstandenen Einkaufszettel bzw. To-do-Listen von literarischen Figuren können anschließend in der Bibliothek bzw. auf der Website der Schulbibliothek präsentiert werden.

Schreibimpuls 2: Schule und Lernen

In Neil Gaimans „Sandman 9: Die Gütigen“ (2009; ISBN: 978-3866077843) schreibt die Protagonistin Rose Walker (über mehrere Panels verteilt) in ihr Tagebuch: „Ich habe eine Liste der Sachen gemacht, die man nicht in der Schule lernt. / Sie bringen einem nicht bei, wie man liebt. Sie bringen einem nicht bei, wie man berühmt wird. Sie bringen einem nicht bei, wie man reich ist oder arm. / Sie bringen einem nicht bei, wie man einen verlässt, den man nicht mehr liebt. Sie bringen einem nicht bei, wie man erkennt, was im Kopf eines anderen vorgeht. / Sie bringen einem überhaupt nichts Brauchbares bei.“

Ausgehend von diesem Impuls werden die Schüler/innen aufgefordert eine eigene Top-10-Liste zu erstellen, mit Dingen, die sie persönlich gerne in ihrer Schulzeit gelernt hätten (bzw. gerne noch lernen würden). Die Liste darf sowohl realistische Wünsche als auch utopische und poetische Überlegungen enthalten.

Weiterarbeit mit den Texten:
Die fertigen Listen können abgetippt und/oder grafisch ansprechend gestaltet werden und in der Bibliothek bzw. im Schulhaus präsentiert werden. Möchte man ein umfassendes Bild der Bedürfnisse und Wünsche der Schüler/innen erhalten, kann das Schreibprojekt auch auf mehrere Klassen der Schule ausgeweitet werden.

Marsmädchen

Schreibimpuls 3: Steckbrief

Tamara Bachs Jugendbuch „Marsmädchen“ (2013; ISBN: 978-3423782050) beginnt mit einem Steckbrief, den die 15-jährige Protagonistin Miriam versucht auszufüllen. Die Kategorien sind: Name, Adresse, Geburtstag, Geburtsort, Größe, Gewicht, Hobby, Lieblingsgetränk, Lieblingsessen, Lieblingsfilm, Lieblingslied, Lieblingsstar, Freunde, Das mag ich, Das mag ich nicht, Das wünsche ich mir.

Ausgehend von den ersten Seiten des Buches kann man den Schüler/innen zeigen, dass die Antworten sich nicht auf ein Wort beschränken müssen, sondern durchaus ausführlicher ausfallen können: „Die Stadt, in der ich wohne, ist hübsch und klein, im Sommer kommen Touristen, um sich die Kirche und die alte Burg anzuschauen und durch die alten Gassen zu spazieren. Im Sommer ist es hier schön. Man kann auf einem Feld sitzen, ins Tal schauen und sich mit jemandem eine Flasche Wein teilen, vielleicht ist es dann Abend. Man kann an den Baggersee fahren, wenn es Tag ist, oder ins Schwimmbad einbrechen, wenn es Nacht ist. Man muss gar nicht viel im Sommer machen, um etwas zu machen. Im Sommer reicht es, wenn man einfach da ist. Egal wo.“

Variante: Die Schüler/innen füllen den Steckbrief nicht für sich selbst aus, sondern versetzen sich in eine literarische Figur aus einem Kinder- oder Jugendbuch hinein. Alternativ können auch Steckbriefe von realen Persönlichkeiten angefertigt werden, zum Beispiel auf der Grundlage von „Good Night Stories for Rebel Girls“ oder „Stories for Boys Who Dare to be different“.

Das Museum der zerbrochenen ...

Schreibimpuls 4: Ein Besuch im Museum

Eine spezielle Form der (unvollständigen) Liste ist das Museum der zerbrochenen Beziehungen in Zagreb. Das gleichnamige Buch von Olinka Vištica und Dražen Grubišic (Das Museum der zerbrochenen Beziehungen. Was von der Liebe bleibt – Geschichten und Bilder; 2018; ISBN: 978-3498070687) versammelt einige der dort ausgestellten Gegenstände und die dazugehörigen Geschichten (hier eine kurze Leseprobe).

Ausgehend von diesem Ausstellungskonzept werden die Schüler/innen aufgefordert, das „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ auch für literarische Pärchen weiterzuführen. Welcher Gegenstand würde neben der Geschichte von Romeo und Julia ausgestellt sein, welcher an Marianne und Alfred aus den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ erinnern? Und wie lässt sich die Tragödie von Faust und Gretchen am besten veranschaulichen?

Variante: Der Museums- und Ausstellungsgedanke kann natürlich auch fortgeführt werden. Die Schüler/innen können z.B. beauftragt werden für die Schulbibliothek eine Ausstellung zu einem literarischen Werk bzw. zu einem literarischen Thema zu kuratieren. Welche zehn Exponate müsste man in einem „Faust“-Museum ausstellen? Was darf in einem „Harry Potter“-Museum nicht fehlen? Oder was gehört in eine Ausstellung, die die Literatur des Mittelalters vermitteln möchte?

To-do-Liste für die Umsetzung:

  • eine Klasse für das Projekt auswählen
  • Beispiele aus dem „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ und die dazu passenden Geschichten vorbereiten, um das Zusammenspiel von Objekt und Begleittext zu veranschaulichen (siehe Leseprobe)
  • Brainstorming mit den Schüler/innen: Beispiele für tragische Liebesbeziehungen in der Literatur und darüber hinaus sammeln
  • eine Auswahl (z. B. 15 tragische Liebesgeschichten) treffen und zu den Paaren passende Gegenstände auswählen, die ihr Beziehungsende veranschaulichen
  • Überlegungen anstellen, wie diese im Rahmen einer Ausstellung präsentiert werden können
  • Begleittexte für die Ausstellungstücke verfassen (nach der Vorlage des „Museums der zerbrochenen Beziehungen“) und diese in der Bibliothek ausstellen (in Schaukästen, in Bücherregalen, auf Fensterbänken etc.)
  • die feierliche Eröffnung der Ausstellung planen und andere Schulklassen, Lehrer/innen, Direktion etc. einladen (entsprechende Einladungen gestalten; eventuell: Ausstellungskatalog anfertigen)
  • das Projekt auf der Schulwebsite bzw. auf der Website der Schulbibliothek dokumentieren

Listen in der Literatur

In den letzten Jahren sind zwei Jugendbücher in Listenform erschienen. Zum einen Todd Hasak-Lows „Dass ich ich bin, ist genauso verrückt wie die Tatsache, dass du du bist“ (2018), indem der Protagonist Darren mit der Trennung seiner Eltern zurechtkommen muss und von seinem Vater erfährt, dass dieser homosexuell ist, und zum anderen Kristin Mahoneys „Mein Leben in Listen“ (2019), in dem es um Annie geht, die mit einem erstaunlichen Gedächtnis ausgestattet ist und ihr Leben in Listen festhält. Eine kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Listen und Verzeichnissen in der Literatur und der Kunstgeschichte wiederum findet man in Umberto Ecos „Die unendliche Liste“ (2011).

  • Todd Hasak-Low: Dass ich ich bin, ist genauso verrückt wie die Tatsache, dass du du bist. Ein Roman in Listen (ISBN: 978-3407748638) / Leseprobe
  • Kristin Mahoney: Mein Leben in Listen. Annies Geschichte (ISBN: 978-3505142574)
  • Umberto Eco: Die unendliche Liste (ISBN: 978-3423346849)
Buchcover