Förderung

Leseförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und erfordert das Zusammenwirken verschiedener Institutionen und Einrichtungen, insbesondere der Kindertagesstätten, Schulen und Bibliotheken. (Keller-Loibl/Brandt 2014, 3)
Welche Leseförderung für ein Kind geeignet ist, hängt nicht allein von seinem Alter oder seiner Schulstufe ab, sondern vor allem davon, wo seine individuellen Schwierigkeiten beim Lesen liegen. Eine sorgfältige und differenzierte Diagnose bildet daher die Grundlage für eine gezielte Förderung. Denn Leseschwierigkeiten können unterschiedliche Ursachen haben und sich in verschiedenen Bereichen zeigen. Mehr zur Diagnostik erfahren Sie hier.
Entsprechend braucht es auch unterschiedliche Übungs- und Förderansätze. Ziel ist es, genau an den Fähigkeiten anzusetzen, die ein Kind noch nicht sicher beherrscht, und die Förderung Schritt für Schritt an seinen individuellen Lernstand anzupassen.
Für eine gezielte Leseförderung lassen sich fünf zentrale Teilaspekte der Lesekompetenz unterscheiden. Sie bilden unterschiedliche Voraussetzungen und Fähigkeiten ab, die beim Lesen zusammenspielen. Im Folgenden werden diese fünf Bereiche näher vorgestellt und jeweils geeignete Möglichkeiten der Förderung beschrieben.
Teilaspekte der Lesekompetenz
Graphem-Phonem-Korrespondenzen (GPK) bilden eine grundlegende Voraussetzung für das Lesenlernen. Kinder müssen lernen, Buchstaben und Buchstabengruppen (Grapheme) sicher den entsprechenden Lauten (Phonemen) zuzuordnen. Je sicherer diese Zuordnungen beherrscht werden, desto leichter können geschriebene Wörter erlesen werden. Unsicherheiten in diesem Bereich können dazu führen, dass Wörter nur langsam oder fehlerhaft gelesen werden.
In dieser Anfangsphase ist das Ziel, dass Kinder eine schnelle und sichere Benennung der Buchstabe-Laut-Zuordnung erreichen.
Schwierigkeiten bei den basalen Lesefertigkeiten haben einen enormen Einfluss auf die Lesekompetenz. Im Folgenden werden gängige Förderkonzepte und -methoden aufgelistet.
Exemplarische Methoden/Übungsformate
- Buchstaben-Laut-Karten: Buchstaben zeigen und den zugehörigen Laut benennen lassen bzw. einen gehörten Laut dem passenden Buchstaben zuordnen.
- Mundbilder einsetzen: Mundbilder zeigen die Stellung und Bewegung des Mundes bei der Bildung eines Lautes. Sie unterstützen die visuelle Wahrnehmung der Artikulation.
- Anlautübungen: Bilder benennen, den Anfangslaut bestimmen und den passenden Buchstaben zuordnen.
- Buchstaben sortieren und unterscheiden: Vorgegebene Buchstaben erkennen, heraussuchen und ähnliche oder leicht verwechselbare Buchstaben unterscheiden.
- Buchstaben spielerisch üben: z. B. mit Buchstaben-Memory, Bingo, Domino oder Zuordnungskarten.
- Multisensorisch arbeiten: Buchstaben sehen, sprechen, nachspuren, legen oder formen und dabei den zugehörigen Laut artikulieren.
Programme
| Beschreibung | |
| Lautarium | Ein digitales Förderprogramm von Hogrefe, das neben phonologischer Bewusstheit und Phonemwahrnehmung ausdrücklich die Graphem-Phonem-Zuordnung trainiert. Es umfasst 58 aufeinander aufbauende Übungen. |
| Lese.Start / Förderkatalog | Der Förderkatalog enthält konkrete Übungen zur sicheren Phonem-Graphem-Zuordnung, beispielsweise Buchstabenkärtchen, Lautgebärden, Memory, Buchstaben-Bild-Zuordnung und Bewegungsübungen. Das Material ist besonders für den Schuleingang interessant. |
| Leseludi | Leseludi ist ein digitales Leseförderprogramm, das verschiedene Bereiche des Lesenlernens abdeckt. Dazu gehören auch Übungen, die für den Aufbau und die Festigung der Graphem-Phonem-Zuordnung relevant sind. |
| Monster.Akademie | Die Monster.Akademie wurde von Buch.Zeit entwickelt und ist in digitaler Form erhältlich. Ziel ist es, wesentliche Kompetenzschritte für die Schüler:innen, Eltern und Lehrpersonen sichtbar zu machen und so eine kontinuierliche Beobachtung der Lernfortschritte jedes einzelnen Kindes zu ermöglichen. |
Beim phonologischen Rekodieren werden unbekannte oder noch nicht automatisiert gelesene Wörter über den indirekten Leseweg erschlossen. Ist die visuelle Erkennung und lautliche Zuordnung der einzelnen Buchstaben (= Graphem-Phonem-Korrespondenz) eingeübt, soll aus den einzelnen Buchstaben Wörter werden.
Ein weiterer Schritt ist daher das sichere Zusammenlauten von Buchstabenkombinationen (= Phonemsynthese), d.h. Kinder setzen Einzellaute zu einem vollständigen Wort zusammen. Dies ermöglicht ihnen das Erlesen von unbekannten Wörtern und Pseudowörtern.
Schwierigkeiten bei der Analyse und Synthese von Buchstaben und Wörtern haben einen enormen Einfluss auf die Lesekompetenz. Im Folgenden finden Sie eine Auswahl gängiger Förderkonzepte und -methoden.
Exemplarische Methoden/Übungsformate
| Ansatz | Beschreibung | Exemplarische Materialien/Übungsformate |
| Zusammenlauten und Lautsynthese | Einzelne Laute werden erlesen und anschließend zu einem Wort verbunden. | LESEFIT 16 „Laut für Laut“, Lingoplay Wort-Pilot |
| Gleitendes Lautieren | Laute werden möglichst kontinuierlich miteinander verbunden und nicht einzeln abgehackt erlesen. | Hexe Hibihobaluka |
| Silbenlesen und Silbensynthese | Silben werden erlesen und anschließend zu Wörtern verbunden. | ABC der Tiere (Silbenkärtchen, Leseteppich, Domino, Silbenschieber), BA-NU-NE, Schubitrix Leseförderung Silben, Silbenrutsche, Silben-Ufo |
| Silben und Wörter zusammensetzen | Vorgegebene Silben werden zu Wörtern geordnet und anschließend erlesen. | Silben-Wörterpuzzle, Lesedosen, Leserutsche |
| Laut- und Silbenketten | Durch das schrittweise Verändern einzelner Laute oder Silben werden neue Wörter gebildet und erlesen. | LESEFIT 16, Alles Banane |
| Pseudowörter lesen | Fantasiewörter werden lautierend erlesen. Da sie nicht bekannt sind, kann nicht auf eine gespeicherte Wortform zurückgegriffen werden. | Schule des Lesens – Pseudowörter |
Ist das sichere Zusammenlauten von Buchstabenkombinationen (= Phonemsynthese) gefestigt, können Kinder mit zunehmender Leseerfahrung einzelne Wörter abspeichern.
Beim Dekodieren werden bekannte Wörter über den direkten Leseweg unmittelbar erkannt. Das Wort muss dabei nicht mehr Buchstabe für Buchstabe erlesen werden, sondern wird als vertraute Einheit aus dem mentalen Lexikon abgerufen. Durch wiederholte Begegnungen mit Wörtern wird dieser direkte Leseweg zunehmend automatisiert. Eine sichere Worterkennung entlastet dabei die Aufmerksamkeit und schafft wichtige Voraussetzungen für flüssiges Lesen und gutes Leseverstehen.
Schwierigkeiten auf der Wortschatzebene haben einen enormen Einfluss auf die Lesekompetenz. Im Folgenden werden gängige Förderkonzepte und -methoden aufgelistet.
Exemplarische Methoden/Übungsformate
| Ansatz | Beschreibung | Exemplarische Materialien/Übungsformate |
| Blitzlesen / schnelle Worterkennung | Wörter werden kurz präsentiert und möglichst unmittelbar erkannt und gelesen. Im Vordergrund steht die sichere und zunehmend automatisierte Worterkennung. | Blitzlesen – Schule des Lesens, Blitzleseübungen mit Wortkärtchen, Blitzlesen, Wörter-Blitz, Worthelden.de Blitzlesen |
| Häufige Wörter automatisieren | Besonders häufig vorkommende Wörter werden wiederholt geübt, damit sie zunehmend ohne lautierendes Erlesen erkannt werden. | DIE 100 wichtigsten Wörter – Teil 1, DIE 100 wichtigsten Wörter – Teil 2 |
| Direkte Worterkennung systematisch trainieren | Bekannte Wörter werden in unterschiedlichen Aufgabenformaten wiederholt gelesen, um ihre Speicherung im mentalen Lexikon zu festigen. | LESEFIT 17 „Wort für Wort“, Schubitrix Leseförderung – Einfache Wörter |
| Lange und komplexe Wörter automatisieren | Mehrsilbige und orthografisch komplexere Wörter werden gezielt wiederholt, damit sie zunehmend unmittelbar erkannt werden. | 100 lange Wörter zum Blitzlesen, 100 sehr lange Wörter zum Blitzlesen, Schubitrix – Schwierige Wörter |
| Ähnliche Wörter unterscheiden | Ähnlich aussehende oder leicht zu verwechselnde Wörter werden genau betrachtet und unterschieden. Dadurch wird die spezifische Wortform gefestigt. | Wörter-Detektiv, Der Wortfilter, Wortforscher |
| Signalgruppen und Wortbausteine automatisieren | Häufige Buchstabenverbindungen, Signalgruppen oder Wortbausteine werden als Einheiten erkannt und unterstützen die schnelle Worterkennung. | Signalgruppentraining in der Grundschule |
Leseflüssigkeit bezeichnet die Fähigkeit, einen Text korrekt, automatisiert, in einem angemessenen Tempo und sinngestaltend zu lesen. Sie bildet die Brücke zwischen der Worterkennung und dem Leseverständnis: Werden Wörter noch mühsam entschlüsselt, sind viele kognitive Ressourcen gebunden, die dann für die inhaltliche Verarbeitung des Textes fehlen. Flüssiges Lesen erleichtert daher das Textverständnis und kann zugleich die Lesemotivation unterstützen.
Zur Leseflüssigkeit gehören vier eng miteinander verbundene Teilaspekte:
- Lesegenauigkeit: Wörter werden korrekt erlesen. Lesefehler treten nur selten auf und werden möglichst selbstständig erkannt und verbessert. Eine hohe Lesegenauigkeit ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, den Inhalt eines Textes richtig zu erfassen.
- Automatisierung der Worterkennung: Häufig gelesene Wörter und Wortbestandteile werden zunehmend direkt und ohne mühsames phonologisches Rekodieren erkannt. Dadurch werden kognitive Ressourcen frei, die für das Verstehen und Verknüpfen von Textinformationen genutzt werden können.
- Lesegeschwindigkeit: Der Text wird in einem angemessenen und möglichst gleichmäßigen Tempo gelesen. Dabei geht es nicht um möglichst schnelles Lesen, sondern um eine Lesegeschwindigkeit, die der Textschwierigkeit und dem Leseziel entspricht und ein kontinuierliches Verstehen ermöglicht.
- Prosodische Segmentierungsfähigkeit: Der Text wird sinngestaltend gelesen. Wörter werden zu syntaktisch und inhaltlich zusammengehörigen Sinneinheiten verbunden; Satzzeichen, Betonung, Rhythmus und Intonation werden angemessen berücksichtigt. Dies unterstützt die Sinnkonstruktion und kann zugleich zeigen, inwieweit ein Text verstanden wurde.
Schwierigkeiten können in einzelnen oder mehreren Teilaspekten auftreten. Für eine gezielte Förderung ist es daher wichtig, diese Bereiche differenziert zu betrachten. Im Folgenden finden Sie gängige Förderkonzepte und -methoden.
Exemplarische Methoden/Übungsformate
- Lautleseverfahren: Kinder lesen Texte wiederholt laut und erhalten dabei Unterstützung durch eine Lehrperson, ein anderes Kind oder ein sprachliches Modell. Ziel ist es, Lesegenauigkeit, Automatisierung, Lesegeschwindigkeit und Betonung zu verbessern. Beispiele: Lautlesetandem, Tandemlesen, Lautlesetheater/Vorlesetheater, Schneeball-Lesen, Lesewürfel etc.
- Wiederholtes Lesen: Kurze, überschaubare Texte werden mehrmals gelesen. Durch die wiederholte Begegnung mit denselben Wörtern und Textpassagen wird die Worterkennung zunehmend automatisiert und das Lesen flüssiger. Beispiele: 100 Sätze zum Blitzlesen
- Strukturiertes Leseflüssigkeitstraining: Systematisch aufgebaute Trainings verbinden wiederholtes Lautlesen mit gezielten Übungen zur Lesegenauigkeit, Automatisierung und Geschwindigkeit. Beispiele: Monster.Akademie,Filby-2, FLEDI 3
- Lesetempo gezielt steigern: Kurze Übungen setzen einen kontrollierten Fokus auf die Lesegeschwindigkeit. Dabei sollte die Steigerung des Tempos immer mit ausreichender Lesegenauigkeit verbunden bleiben. Beispiele: FLOH-Lesefitness-Training / Tempo-Check, Spreeder
Beim Leseverstehen geht es im Wesentlichen darum, Bedeutung aus einem Text zu gewinnen und die darin enthaltenen Informationen miteinander zu verknüpfen. Leser:innen müssen dabei nicht nur einzelne Wörter und Sätze verstehen, sondern auch Zusammenhänge erkennen, Schlussfolgerungen ziehen und ihr Vorwissen nutzen. Für die eigenständige Auseinandersetzung mit Texten ist das Leseverstehen unabdingbar.
Textverständnis hängt allerdings eng mit der Leseflüssigkeit zusammen, da flüssiges Lesen die Konzentration auf den Inhalt unterstützt. Je sicherer die Leseflüssigkeit der Schüler:innen ist, desto mehr Kapazität ist für das Verstehen frei.
Schwierigkeiten im Leseverständnis haben einen enormen Einfluss auf die Lesekompetenz. Im Folgenden finden Sie eine Auswahl an Förderkonzepte und -methoden.
Exemplarische Methoden/Übungsformate
Lesestrategien sind eine zentrale Komponente der Förderung des Leseverstehens. Dazu gehören beispielsweise Vorhersagen treffen, Fragen stellen, Schlüsselwörter markieren, zusammenfassen und Schlussfolgerungen ziehen. Dabei sollten die Strategien explizit vermittelt, gemeinsam angewendet und zunehmend selbstständig eingesetzt werden. Eine ausführliche Darstellung der Lesestrategien findet sich hier.
Weitere exemplarische Methoden und Ansätze:
- Reziprokes Lesen: In Kleingruppen werden zentrale Verstehensstrategien gemeinsam angewendet. Die Kinder übernehmen dabei abwechselnd die Rollen des Vorhersagens, Fragens, Klärens und Zusammenfassens.
- Lesekonferenzen: Kinder tauschen sich gemeinsam über einen gelesenen Text aus, formulieren Fragen, klären Verständnisprobleme und begründen ihre Gedanken am Text.
- Selbstreguliertes Lesen: Die Kinder planen, überwachen und reflektieren ihren eigenen Leseprozess und wählen passende Strategien zur Bearbeitung eines Textes aus. Beispiel: Filby-4: Selbstreguliertes Lesen
- Fragen zum Text und Textverständnis: Fragen werden beantwortet, Informationen aus Texten entnommen und Zusammenhänge erschlossen. Beispiele: erLESENes GS1, erLESENes GS2
Programme
| Programm / Material | Schwerpunkt |
| Lesepilot: Bildungsserver Berlin -Brandenburg | Lesestrategien und Textverständnis |
| "Escape-Room“-Geschichten zur Leseförderung 3/4 | Spielerische Förderung des Textverständnisses |
| Das Lesetraining mit Käpt'n Carlo | Strategisches und dialogisches Lesen |
| Wir werden Lesedetektive | Lesestrategien und Textverständnis |
| FLEDI 4 | Fachintegrierende Leseförderung mit Lesestrategien |
| Filby-3 | Einführung und Anwendung effektiver Lesestrategien |
| Fit für die IKM – Deutsch 3+4 | Spezifische Textsorten |
RegioDiff (Regionen der Steiermark kennenlernen)

Im Projekt RegioDiff finden Sie Lesematerialien für den Lese- und Sachunterricht für die 4. Schulstufe, wobei auch Mehrstufenklassen mit dem Material bereits gearbeitet haben und es sich für die dritte Schulstufe ebenso als geeignet erwiesen hat. Das Material stellt vierfach differenzierte Texte zu Besonderheiten in der Steiermark zur Verfügung. Die Materialien beinhalten Lesestrategieübungen, kooperative Lernelemente, Leseverständnisaufgaben und Glossarwörter.
Weiterführende Informationen
- STIFT: Systematische Leseförderung in der Grundschule
- vs.schule.at
- Plattform „Lesen in Tirol“
- Mercator-Institut
- Lesefoerderung.de
- Buch.Zeit: Übersicht zu weiteren Fördermaterialien
Quellen
Keller-Loibl, K. & Brandt, S. (2014). Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken. Praxiswissen. De Gruyter.