DaLess Studie

Buch, Smartphone, Tablet, E-Book, Laptop, soziale Netzwerke, WhatsApp…. Was und wie lesen junge Menschen heute (noch)? Die DaLeSS-Studie (Digitales und analoges Leseverhalten von Schüler:innen und Studierenden) geht dieser Frage empirisch nach.
Untersucht werden die Lesegewohnheiten von Oberstufenschüler:innen und Lehramtsstudierenden im Bundesland Salzburg. Im Zentrum steht dabei das Zusammenspiel von gedruckten und digitalen Lesemedien: Wie erleben junge Menschen die zunehmende Digitalisierung, welche Medien und Textformate nutzen sie, was und wie viel lesen sie in ihrer Freizeit, in welchem Verhältnis stehen dabei literarisches und pragmatisches Lesen etc. Und: Was lässt sich daraus über die aktuelle Entwicklung der Lesekultur sowie für die schulische Praxis, insbesondere die Deutschdidaktik ableiten?
Eckdaten der DaLeSS-Studie
- Erhebungsort und Erhebungszeitraum: Bundesland Salzburg, 12.6.2023 bis 5.7.2023
- Erhebungsmethode: quantitativ mittels Fragebogen (paper pencil)
- Stichprobe: 1.056 Befragte
- Schüler:innen der Sekundarstufe II/Oberstufe an drei Salzburger Schulen: Bundesrealgymnasium Akademiestraße Salzburg, Bundesgymnasium & Bundesrealgymnasium Hallein, HAK/HAS Neumarkt am Wallersee
- Lehramtsstudierende des Unterrichtsfachs Deutsch/Sekundarstufe an der Universität Salzburg und Lehramtsstudierende Primarstufe an der PH Sbg.
Fünf Ergebnisse mit besonderer Relevanz für den Deutschunterricht
Der Medienbesitz der Befragten ist zum Erhebungszeitpunkt im Juni 2023 insgesamt sehr hoch. Betrachtet man nur jene Medien, die überwiegend bzw. auch zum Lesen genützt werden, ist die
Verteilung wie folgt:
- Smartphone: 99,8%
- Laptop/PC: 97,2%
- Tablet: 44,7%
- E-Reader: 23,3%
Die Pandemie bewirkte durch Homeschooling und online-Lehre zwar einen zusätzlichen Digitalisierungsschub, fiel insgesamt aber trotzdem eher mäßig aus, da bei den befragten Altersgruppen die eigene Medienausstattung auch vor der Pandemie schon umfassend war. Die Frage nach dem zusätzlichen Neuerwerb eines Lesemediums aufgrund der Online-Lehr-Lernsituation wird von 23,7% der Befragten bejaht. Beim neu angeschafften weiteren Medium handelt es sich in 15,7% der Fälle um einen Laptop/PC, in 7,2% um ein Tablet. Es treten keine nennenswerten Unterschiede zwischen Mädchen/Frauen und Burschen/Männern oder zwischen Schüler:innen und Studierenden zutage. Auch in der Bedeutung der verschiedenen Medien kommt es zu keinen neuen Trends oder Verschiebungen. Smartphones und Laptops festigen ihre bereits vorhandene Schlüsselrolle, E-Reader dagegen bleiben auch während der Pandemie weiterhin nur von sehr untergeordneter Bedeutung.
Die Frage „Gehört Lesen zu deinen Hobbys?“ beantworten 50,5% aller Befragten mit ja oder eher ja, 49,5% mit nein oder eher nein. Hier erweist sich eine differenzierte Auswertung der einzelnen Teilgruppen als aufschlussreich.
Dass die Studierenden des Unterrichtsfachs Deutsch Sekundarstufe die höchste Lesefreude aufweisen, ist angesichts ihrer fachlichen Ausrichtung wenig überraschend. Der Befund, dass die männlichen Schüler die geringste Lesefreude zeigen, wiederum steht im Einklang mit Ergebnissen zahlreicher vorliegender Leseforschungsstudien (z.B. JIM- und KIM-Studien). Stereotype Geschlechterunterschiede treten in allen Untergruppen zutage. Unabhängig von Alter, Ausbildung oder Studienwahl weisen Mädchen/Frauen durchgängig eine deutlich höhere Lesefreude auf als Burschen/Männer. In der Lese(motivations)förderung müssen demnach weiterhin die Buben und Burschen die Hauptzielgruppe sein.
Ausgehend von den Hauptergebnissen wurden in der Studie zahlreiche Vernetzungsanalysen durchgeführt, um mögliche Einflussfaktoren, kausale Zusammenhänge und Korrelationen näher zu untersuchen. Im Abschnitt zur Lesefreude erweist sich dabei die differenzierte Betrachtung des Zusammenhangs zwischen der Lesefreude der Befragten und ihrer E-Book-Nutzung als sehr aufschlussreich. Dieser Zusammenhang fällt äußerst markant aus:
Von den sehr lesefreudigen Befragten lesen 35,8% regelmäßig auch E-Books, mit sinkender Lesefreude nimmt jedoch auch die E-Book-Lektüre massiv ab. Von den generell nicht Lesefreudigen lesen nur noch 1,8% regelmäßig E-Books.
Dieses Ergebnis deckt sich mit den Ergebnissen internationaler Studien welche ebenfalls zeigen, dass vor allem Vielleser:innen, die generell – auch gedruckt – gern und viel lesen, E-Books nützen und ihre Vorteile (z.B. die Speicherkapazität vieler Bücher) schätzen (Schönbaß, 2026). Wer dagegen generell nicht gern liest, liest auch nicht gern E-Books – oder zugespitzt formuliert: „Lesen von Büchern“ bleibt „Lesen von Büchern“, egal auf welchem Medium. Daran hat auch der leichte Anstieg des E-Book-Lesekonsums zwischen 2013 und 20232, insbesondere während der Pandemie, nichts geändert.
Die in den 2010er Jahren mit der zunehmenden Verbreitung von E-Books zum Teil verbundene Hoffnung, das digitale (und somit gerade für Buben und Burschen eventuell attraktivere) Lesemedium könnte zum „Game-Changer“ werden, um auch Nicht- und Wenigleser:innen für das Lesen zu begeistern, hat sich somit definitiv nicht im erhofften Ausmaß erfüllt.
Erfragt wurde in diesem Studienabschnitt die Lesedauer über den Zeitraum einer Woche und es wurde nicht unterschieden, in welchem Kontext und mit welcher Intention die Lesetätigkeit erfolgte. Die Bandbreite reicht von Texten, die aus pragmatischen Gründen im Ausbildungskontext, zwecks Wissens- bzw. Informationserwerb gelesen werden, über private Freizeitlektüren bis hin zu Texten, die dem sozialen Austausch in schriftlicher Kommunikation dienen. Die Befragten konnten zwischen sechs Zeitintervallen wählen: gar keine Zeit bis max. 30 Min./ 30 Min. bis 2 Stunden/2 bis 5 Stunden/5 bis 10 Stunden/10 bis 15 Stunden/ über 15 Stunden.
Lesekonsum gedruckter Texte
Abbildung 3 gibt einen groben Überblick über die Rezeptionshäufigkeit der verschiedenen gedruckten Texte. Bei allen vier Lektüregattungen dominieren die niedrigen Lesezeiten. Sachbücher weisen dabei die vergleichsweise höchste Nutzungsintensität auf, Comics/Graphic Novels die niedrigste. Dass für gedruckte Sachbücher mehr Lesezeit aufgewendet wird als für Romane (trotz der Teilgruppe der Deutsch-/Germanistikstudierenden) lässt zwei mögliche Erklärungsansätze zu: Zum einen sind Sachbücher häufig mit einem funktionalen bzw. instrumentellen Nutzen verbunden und dienen der gezielten Wissensaneignung, der in der Oberstufe und im Studium ein großer Stellenwert zukommt. Zum anderen erfordert die vertiefte Auseinandersetzung mit ihren Inhalten häufig wiederholtes Lesen, wodurch mehr Lesezeit anfällt als bei der Einmallektüre eines Romans.
Lesekonsum digitaler Texte
Die Daten zeigen, dass längere Leseformen bzw. „typisch textlastige“, textbasierte Rezeptionsformen wie E-Books und Zeitungsartikel bei jungen Menschen eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Interaktive und informelle Kommunikationsformen wie soziale Netzwerke und Messenger-Dienste nehmen dagegen eine zentrale Stellung ein und weisen im Vergleich zu allen anderen – sowohl digitalen als auch gedruckten – Texten und Formaten mit Abstand die höchsten Nutzungszeiten auf. (Bei sozialen Medien ist allerdings zu berücksichtigen, dass der tatsächliche Leseanteil nur schwer zu bestimmen ist.)
Angesichts der intensiven Nutzung digitaler Medien, der umfassenden Medienausstattung und des fortschreitenden Digitalisierungstrends stellt sich die Frage: Bevorzugen junge Menschen bei der Lektüre generell bereits den Bildschirm gegenüber der gedruckten Seite? Was präferieren junge Meschen gerade für längere Lektüren, wenn sie gleichwertig zwischen gedruckt und digital wählen können? Die Studie liefert darauf eine eindeutige Antwort.
Die Präferenz fällt klar zugunsten der gedruckten Form aus: In der Gesamtstichprobe bevorzugen 65,4 % bei längeren Texten gedruckte Texte, während nur 14,6 % die digitale Form präferieren.
Ein möglicher Erklärungsansatz hierfür liegt in den unterschiedlich ausgeprägten Lektürepraktiken der drei Untergruppen: Mit steigender Lektürehäufigkeit und Komplexität sowie Umfang der Texte nimmt die Präferenz für die gedruckte Form zu. Die Präferenz für Print bei umfangreichen Lektüren wird von 73% der Befragten auch damit begründet, dass sie längeres Lesen am Bildschirm (PC, Laptop, Tablet, E-Reader) vergleichsweise anstrengender bzw. unangenehmer empfänden als in gedruckter Form.
Für die schulische Lesepraxis unterstreichen diese Ergebnisse, dass die Entscheidung zwischen digitalen und analogen Leseformaten gezielt und reflektiert getroffen werden muss, abhängig von Textsorte, Leseziel und Lektüresituation.
Eine vollständige Umstellung auf digitale Schulbücher wird entschieden abgelehnt (Abb. 6). Eine teilweise Umstellung erscheint vielen realistisch. Bei den angehenden Volksschullehrer:innen sprechen sich jedoch mehr als die Hälfte auch gegen eine solche aus, bei den Deutschlehrer:innen der Sekundarstufe ebenfalls mehr als ein Drittel. Das Ergebnis ist somit klar: Schritte zu einer noch stärkeren Digitalisierung im Unterrichtskontext werden eindeutig nicht gewünscht.
Trotz der zunehmenden Digitalisierung spielen gedruckte Texte für junge Menschen weiterhin eine wichtige Rolle. Zukünftig wird entscheidend sein, wie gedruckte und digitale Medien sinnvoll in den Unterricht integriert werden können, um junge Menschen langfristig für das Lesen zu begeistern.
Dr. Doris Schönbaß
Weiterführende Literatur
- Schönbaß , D. (2026). Scrollo, ergo lego? Zur Transformation der literarischen Lesekultur im digitalen Zeitalter: Ausgewählte Ergebnisse aus der DaLeSS-Studie 2023. Medienimpulse, 64(3), 39 Seiten.
- Bericht über die DaLeSS-Studie in den Salzburger Nachrichten: Hillebrand, R. (2026, 27. Juni). Lesen junge Menschen noch? Salzburger Nachrichten, S. 14. [Abrufbar auf der Website der PH Salzburg]





