Vom Aufwachsen mit Büchern
Maja Ilisch im Interview mit Literacy.at über Lese- und Schreibgewohnheiten, ihren Roman "Die vierte Wand" und ihre Kindheit mit Büchern.
Literacy.at: Schreiben Sie besonders gerne Fantasyliteratur und Dystopien?
Maja Ilisch: Ich liebe die Freiheiten, die fantastische Literatur mir bietet. In meinen Büchern möchte ich immer wieder überraschen können, und ich mag Wendungen, die es so noch nirgendwo gegeben hat. Dabei will ich mich innerhalb der Phantastik nicht festlegen müssen – ob ich ganz klassische High Fantasy schreibe, Grusel oder Dystopien, ich kann immer etwas Eigenes daraus machen. Für mich ist es das Genre, das die größte Vielseitigkeit ermöglicht. Und auch wenn ich früher immer Krimis schreiben wollte – und daran gescheitert bin, dass meine Morde so perfekt waren, dass ich sie meinen Mördern nie nachweisen konnte – habe ich mit der Phantastik die Art Literatur gefunden, die am besten zu mir passt und in der ich mich so richtig austoben kann.
Was ist Ihnen beim Schreiben von Büchern sehr wichtig?
Das Wichtigste in meinen Büchern sind für mich die Figuren. Ich möchte, dass sie lebendig sind, wie richtige Menschen. Darum schreibe ich gern über Personen, die Probleme haben und diese nicht im Handumdrehen lösen können. Egal ob ich Bücher für Kinder oder für Erwachsene schreibe: Ich will nicht, dass meine Figuren perfekt sind, weil Perfektion einfach langweilig ist. Niemand ist immer nur toll und mutig, und das gilt ganz besonders für mich selbst. Ich schleppe die einen oder anderen Probleme mit mir herum, und ich kann mich besser in meine Figuren hineinversetzen, wenn es ihnen ähnlich geht. Und ich denke, das geht dann auch denen so, die am Ende meine Bücher lesen.
In Ihrem Buch "Die vierte Wand" spielen Puppen und Puppenhäuser eine zentrale Rolle. Welche Verbindung haben Sie persönlich zu Puppen? Wie ist diese Geschichte entstanden?
Ich bin in einem Haus voller Puppen aufgewachsen. Meine Mutter war Puppenmacherin, später hat sie Teddybären gemacht, und mir hat sie das auch beigebracht. Dabei habe ich als Kind gar nicht so viel mit Puppen gespielt, aber ich hatte sie immer gerne um mich, zum Anschauen. Auch heute habe ich noch eine kleine Puppensammlung – und ein ganzes Regal voller Puppenköpfe, was meine Gäste immer ein bisschen gruselig finden. Auch „Die vierte Wand“ hat ein paar gruselige Stellen. Ich finde, Puppen sind an sich schon immer ein bisschen gruselig.
Wie ist daraus der Roman geworden?
Ich habe einige Schauerromane für Erwachsene geschrieben, und dann wollte ich etwas für Kinder schreiben, bei dem einem auch ein bisschen mulmig werden kann – nicht wirklich zum Fürchten, aber ein bisschen beklemmend. Da kam mir die Idee mit dem Haus, aus dem man nie wirklich hinauskommen kann, und plötzlich fügte sich eines zum anderen, und als ich meiner Lektorin von der Idee erzählt habe, war sie sofort begeistert und hat gesagt: „Schreib das!“ Und das habe ich dann gemacht.
Was ist das Besondere, das Schöne am Lesen von Büchern?
Lesen ist einfach unglaublich vielseitig. Ich kann mich damit in eine fremde Welt hineinträumen, die noch kein lebender Mensch betreten hat, oder etwas ganz Realistisches lesen, mit dem ich etwas lernen kann über das Leben in vergangenen Zeiten oder in anderen Ecken der Welt – und verstehen, wie es anderen Leuten geht. Ich bin als Kind sehr stark gemobbt worden und hatte nicht viele gute Freunde, und Bücher waren für mich ein Fluchtweg, um aus dem Ganzen zumindest im Kopf hinauszukommen. Auch später, als ich groß geworden bin, habe ich immer gelesen, gelesen, gelesen. Bücher geben so viel zurück – jemand hat sie geschrieben und seine Gedanken hineingesteckt, und indem ich sie lese, verstehe ich nicht nur das, sondern bekomme auch ganz viele neue, eigene Ideen. Auch wenn ich gerne fernsehe oder Computerspiele spiele, bleibt das Lesen für mich doch immer noch das Beste.
In der "Vierten Wand" liest Fox – die Hauptfigur – immer in ihrem Kinderzimmer, in einem Schaukelstuhl sitzend. Haben auch Sie einen besonderen Leseplatz?
Früher hatte ich wirklich einen Schaukelstuhl, den ich knallblau angestrichen hatte – nur war der leider überhaupt nicht bequem, ich habe ihn nie benutzt, und er hat vor allem Platz weggenommen. Heute lese ich eigentlich überall – im Bett, in der Bahn, auf dem Sofa … Aber mein Lieblingsplatz ist ein alter abgewetzter Ledersessel, den ich von meiner Oma geerbt habe. Der knarzt ein bisschen, aber er ist wirklich superbequem.
Gibt es Kinderbücher, die Sie beeinflusst haben?
Ich habe wirklich eine Unmenge gelesen, als ich in dem Alter war – vieles von dem ist heute schon lange nicht mehr lieferbar, das ist ja bald vierzig Jahre her. Aber den besten Büchern kann die Zeit nicht viel anhaben. Sehr geprägt haben mich die Mumin-Bücher von Tove Jansson – die kann man als Kind lesen oder als Erwachsener, sie hören nie auf, großartig zu sein. Alles von Astrid Lindgren, zum Beispiel die "Brüder Löwenherz", oder Michael Endes "Momo" und die "Unendliche Geschichte". Ich habe aber auch realistische Bücher gelesen, vor allem über das Leben von Kindern in Entwicklungsländern. Eines, das mich mit zehn, elf Jahren sehr bewegt hat, ist "Keine Angst, Maria" von Anatol Feid, über ein Mädchen, das zur Zeit der chilenischen Militärdiktatur den Mut finden muss, es mit den Erwachsenen aufzunehmen. Oder Bücher, die zur Zeit des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs spielen, wie Judith Kerrs "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" und "Warten, bis der Frieden kommt".
Die unvermeidliche Frage: Ist eine Fortsetzung der "Vierten Wand" denkbar :-)?
Denkbar ist sie sicherlich – und genauso sicherlich habe ich nicht vor, eine zu schreiben. Für mich ist die Geschichte zu Ende erzählt. Aber ich möchte, dass die Mädchen und Jungen, die das Buch lesen, sich danach vorstellen, wie es weitergehen könnte – was Fox aus ihren Eltern macht, und was passiert, wenn Corey einmal M triat, und was die drei Schwestern machen und Miss Morris … Ein Buch zeigt ja immer nur einen Ausschnitt aus einer Geschichte, es gibt immer ein Davor und immer ein Danach, und ich möchte, dass es in den Köpfen der Lesenden rattert und arbeitet und sie selbst die Geschichte weiterspinnen. Aber was mich betriat, ich schreibe lieber als Nächstes ein völlig neues Buch mit neuen Figuren. Ich habe damit schon angefangen und bin gerade dabei, ein zorniges Mädchen mit Namen Frieke kennenzulernen, damit ich als Nächstes von ihr erzählen kann.
Wenn jemand noch nichts von Ihnen gelesen hat, welches Buch würden Sie als erstes empfehlen?
Außer der „Vierten Wand“ habe ich bis jetzt erst ein anderes Jugendbuch veröaentlicht, alles andere sind Bücher für Erwachsene. Aber dieses andere Buch, „Unten“, ist wirklich toll, ich finde, es gehört zu den besten Sachen, die ich jemals geschrieben habe. Es spielt komplett in einem einzigen Hochhaus. Nevo arbeitet sich Stockwerk für Stockwerk weiter nach unten, um ihre verschwundene Freundin zu finden. Mit jeder Etage wird es ein bisschen skurriler, aber auch düsterer – das Haus ist in der Hand einer wirklich sehr strengen Hausverwaltung mit einem absurd langen Regelkatalog, dessen Einhaltung ständig überwacht wird. Aber Nevo und ihre Freunde versuchen, sie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Wenn ihr das noch nicht gelesen habt – das lege ich euch wärmstens ans Herz!
Interview: Thomas Aistleitner
Buchtipps
- Die verborgenen Bilder, Maja Ilisch (erscheint im Februar 2026)
Oetinger 2026, 304 S., € 17,–
Frieke entdeckt in ihrem Zimmer alte Zeichnungen – und damit eine Tür in die Vergangenheit. Als Friekes Familie zerbricht, flüchtet sie sich immer häufiger in die alten Bilder und in eine geheimnisvolle Freundschaft mit der rätselhaften Ilsabeth. Doch deren Vergangenheit im Schatten des NS-Regimes wirft dunkle Fragen auf. Was verbirgt sich hinter den Zeichnungen? Zwischen Gegenwart und Vergangenheit muss Frieke herausfinden, wie viel Mut Wahrheit braucht – und ob sie Ilsabeth retten kann. - Die vierte Wand, Maja Ilisch
Oetinger 2024, 240 S., € 17,–
Seit sie zurückdenken kann – und sie kann sich, findet Fox, schon ziemlich lang erinnern – lebt Fox mit ihrer Familie in diesem Haus, und jeder Tag ist wie der andere. Bis plötzlich ein seltsames Päckchen im Flur liegt, adressiert an Fox, mit einem Brief ohne Absender und einem Buch. Doch dieses Buch ist anders als jedes, das Fox kennt. In ihm stehen Wörter. Das Buch gibt ihr neue Bilder in den Kopf, neue Gedanken, neue Fragen. Kurzentschlossen klettert Fox aus dem Fenster hinaus in die unbekannte Welt – und findet sich neben ihrem Puppenhaus wieder, in einem Haus, das beinah so ist wie ihr eigenes … Ein wunderbar philosophisches Kinderbuch über das Geschichtenerzählen, die Wirklichkeit, und die Frage, was jenseits des Sichtbaren liegt.